❧  textanfall

Wie ich einmal ein Moleskine-Notizheft kaufte
(Klagelied einer Schreibwaren-Abhängigen)

Denken und schreiben

Ich schreibe sehr viel. Schreiben ist mein Beruf. Nicht immer benutze ich dafür einen Computer. Wenn besonders flüchtige Gedanken festgehalten werden müssen – also Ideen, erste Entwürfe, Ahnungen, Intuitionen, Formulierungen – schreibe ich mit der Hand. Der Weg zum Computer wäre ein viel zu langer Umweg, ich würde den Gedanken verlieren. Spätestens, wenn mir der Cursor entgegenblinkte, wäre mein Hirn ebenso leer wie das weiße Textdokument vor mir. Ich brauche also Stift und Papier, um zu arbeiten. Welcher Stift das ist, steht fest: ein alter Steno-Füller der Marke Pelikan, ich habe ihn mir gekauft, als ich in meine erste eigene Wohnung gezogen bin, das war vor über zwanzig Jahren. Wir sind wunderbar aneinander gewöhnt, er und ich. Wenn ich ihn in der Hand habe, bekomme ich auch zarteste Gedankenknospen leicht aufs Papier. Beim Papier bin ich auch wählerisch, aber nicht so festgelegt. Konzepte schreibe ich meist auf lose A4-Bögen, gerne auch auf welche, die vormals einem anderen Zweck dienlich waren, das befreit vom Zwang zur Perfektion. Paradiesisch, als ich in der Nachbarschaft einer Druckerei arbeitete und dort großzügig mit Fehlbedrucktem beschenkt wurde. Lange schrieb ich auf der Rückseite falsch gedruckter Noten, an die crèmefarbene Glätte des Papiers denke ich heute noch manchmal.

Das ideale Notizheft

Notizhefte brauche ich aber auch! Für Ideen und Konzepte, die nicht so schnell in die digitale Form überführt werden, die reifen müssen und mich längere Zeit begleiten. Für Kleinnotizen, die auf Zettelchen sonst verloren gingen. Auf Reisen. Und Notizbücher und -hefte sind ein schwieriges Thema. Auf keinen Fall dürfen sie zu repräsentativ aussehen. Buchbinden kann ich sowieso selbst, da brauche ich keine fünfunddreissig Euro in einem “reiche-Weiber-Schreibwarenladen” (Max Goldt) hinzulegen. Außerdem hemmt mich die buchbinderische Prachtentfaltung, und transportabel sind diese Renommierbrocken kaum. Damit es für mich funktioniert, muss das Notizbuch Arbeitsgerät-Appeal haben. Die Seiten sollten liniert sein, der Linienabstand darf gerne etwas enger sein als normal, um meine große Handschrift etwas in Schach zu halten. Ganz wichtig: die Lineatur darf nicht zu dunkel sein. Getöntes Papier mag ich lieber als weißes. Bei den Covern bin ich nicht so zimperlich: weiche fassen sich besser an, harte geben eine gute Unterlage beim Schreiben unterwegs – beides ist gut. Die Hauptsache, das Heft lässt sich gut aufklappen.

Im Prinzip habe ich mein ideales Notizgerät schon gefunden. Der Hersteller heißt Whitelines, kommt aus Schweden, und die Idee ist genial: hellgrau getöntes Papier mit weißen Linien. Gibts in diversen Größen und Bindungen, bezahlbar auch. Jedoch, ach und weh: Das komplette Whitelines-Sortiment ist nur in einem Schreibwarenladen am anderen Ende der Stadt erhältlich!

Suche nach dem zweitbesten Notizheft

Deswegen nahm ich einen mittäglichen Nachdenk-Spaziergang zum Anlass, um in einigen vielversprechenden Geschäften in der Nachbarschaft nach Alternativen zu schauen. Ich fand aber keine. Nach einigem Winden griff ich zu einem Heft von Moleskine. Ich wollte diese Marke immer vermeiden, deren Legendenmarketing finde ich penetrant und die Machos Picasso und Hemigway, die angeblich bereits mit Moleskines gearbeitet haben, sind nicht grade die Testimonials, die mich vom Hocker reißen (darf man das eigentlich überhaupt, einfach so mit Toten werben?). Doch das Heft hatte ein gutes Format, ein angenehmes Cover, schöne runde Ecken und ein transportfreundliches Gummizugband. Ich war zufrieden, über den neuen Gedankenbehälter und meinen markenressentiment-befreiten Pragmatismus beim Kauf.

Den ich fünfzehn Minuten und eine Notiz später schon bedauerte. Ich stellte fest, dass sich das “legendäre Notizbuches der Künstler und Intellektuellen der vergangenen zwei Jahrhunderte” (Moleskine-Eigendarstellung) legendär schlecht mit Füller beschriften lässt: die Tinte läuft aus und schlägt durch. Schrieben van Gogh, Picasso und Hemingway mit Kulis? Oder muss man sich doch an den berühmten Reisenden Chatwin halten, der ebenfalls als Moleskine-Testimonial bemüht wird? Chatwin, von dem ich nur ein Buch gelesen habe, aus dem ich exakt einen Satz erinnere. Wie er vergebens versucht, in Paris sein Lieblings-Notizbuch zu kaufen. Und die Verkäuferin sagt zu ihm: “La vraie moleskine n’existe plus.” – “Das echte Moleskine gibt es nicht mehr.” So wird es wohl sein. Das Remake mit dem ausgeborgten Marken-Mythos ist jedenfalls nicht so der Hit.

Was mache ich jetzt mit meinem angefangenen Heft? Mit Kugelschreiber kann ich nicht denken.

PS: Das allerallerbeste Notizheft der Welt ist von Smythson. Ich bekam mal eines geschenkt. Das mit Abstand beste Notizheft, das ich je hatte. Es verbindet Luxus und Arbeitsgerät-Appeal: Glattes, dünnes, füllerfestes Papier in zartblau mit perfekter Lineatur. Es raschelt köstlich und beschreibt sich perfekt. Silberschnitt! Und ein strukturierter weicher Lammledereinband mit Silberprägung. Leider zu wahrhaft königlichen Preisen, daher als Alltagstool ungeeignet.

13 comments
  1. fellow passenger says: 18. November 201000:25

    Zumindest bei Oscar Wilde, der ja in der Marketinglegende von Moleskine ebenfalls benannt wird, bin ich mir sicher, daß er keinen Kugelschreiber verwendet hat. Vermutlich lässt sich das Papier gut mit Bleistift beschreiben, den es zu seiner Lebzeit bereits gab.

    Schreibhefte von Whitelines kann man aber gut in Internetshops erstehen, zum Beispiel hier.

  2. Sibylle says: 18. November 201000:38

    Lieber Fellow Pasenger, mir scheint, du bist auch schreibwarophil, hm?

    Ach, der arme Oscar Wilde muss auch herhalten? Ja, mit Bleistift. Dazu find ich das Papier etwas zu dunkel, dann reicht der Kontrast nicht. So ganz. (Ich weiß, ich bin schlimm.) Mit Bleistift schreibe ich aber auch sehr gerne.

  3. Sibylle says: 18. November 201000:39

    Pardon: Passenger, natürlich.

  4. R. says: 18. November 201012:12

    Um das angefangene Moleskine aufzubrauchen vielleicht mal von Füller auf einen japanischen Gelschreiber/Fineliner (Muji, Uni, Pilot, Pentel) umstellen, kann man ja vorm Kauf probieren. Die linierten A6 Notizhefte mit schwarzem Einband von Muji finde ich ganz brauchbar. Allerdings raschelt da nichts.

  5. Sibylle says: 18. November 201014:28

    Ha, das war ja klar, dass du was Japanisches empfiehlst. :-) Stimmt aber, bei Muji gibts auch schöne Schreibwaren, da könnt ich mal gucken.

  6. Poliander says: 19. November 201013:35

    Mit Ergüssen zum Thema Notizbücher könnte ich etliche füllen. Allerdings entzücken mich die N. vor allem durch eines: einen guten Rücken. Nur ein Ringbuchrücken ist ein guter Rücken für ein Notizbuch um A6 herum, das ich bequem in der Linken halten und mit der Rechten beschriften kann, egal ob ich stehe, liege oder gehe. Denn notiert wird nicht immer im Sitzen, selten am Tisch. Und deswegen scheidet Moleskine auch ohne Prominentenmalus aus. Was ich noch brauche, ist ein fester Umschlag, griffiges Papier, nicht zu weiß, ungemustert, zur Not liniert, nie kariert, um Göttins willen nicht wasserabweisend… Einen hässlichen Umschlag überklebe ich. Notvorrat kommt aus dem Schreibwarenladen, schöne N. mit gutem Rücken findet man oft, wo man sie nicht erwartet. Da sie aber insgesamt Mangelware sind, nahm ich letztens auch eines mit Piratensymbol und dem Aufdruck “Saint-Malo Cité Corsaire”. Grüße von Poliander

  7. Sibylle says: 19. November 201019:34

    Piratennotizbücher sind doch schick!

  8. Petra A. Bauer says: 17. Dezember 201012:15

    Wo ist denn in dem Fall das andere Ende der Stadt? Vielleicht bei mir? Wg. Whitelines, meine ich. Verrat mir den Laden doch mal.

  9. Sibylle says: 17. Dezember 201012:19

    Hallo, Petra: Modulor am Südstern. Also eher nicht bei dir. “Am anderen Ende” war auch ein bisschen übertrieben.

  10. Susi says: 19. Dezember 201023:01

    Meine Herren, was bist du doch für eine Luxus-Schreiberin … :-D

  11. Sibylle says: 19. Dezember 201023:18

    Wannabe-Luxusschreiberin, leider nur. Smythson ist toll, aber nicht gerade budgetgerecht.

  12. Poliander says: 28. Dezember 201000:37

    Ach komm, das Wahre sind diese Luxusnotizbücher doch auch nicht. Ich vermute zwar, dass deine Notizen an sich ästhetisch wertvoll sind. Aber wenn ich mir überlege, wie ich die Dinger vollkritzle, manchmal schon nach einer Woche oder einem Thema ein neues brauche und wie’s in denen aussieht – nee. Ein gescheites Notizbuch darf nicht zimperlich sein, mit dem muss man Pferde stehlen können!

  13. Sibylle says: 28. Dezember 201011:56

    Doch, die Smythsons sind wirklich benutzbar. Nicht zu repräsentativ, sondern einfach schön und gut. Unzimperlich. Bei semicolon, Bindewerk & Co. hätt’ch da ja auch eher Bedenken, bei Smythson nicht.

Submit comment