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Tag "Schreiben&Arbeiten"

Fach- und Spezialistensprachen haben ihren eigenen Reiz. Sprachliche Präzision begeistert mich immer.  In fachspezifischen Begriffen, Spezialwörtern für die komplexen Verhältnisse bestimmter Berufe oder Tätigkeiten sehe ich sie realisiert. Natürlich nicht nur da; und einen mäßigen Text mit Spezialausdrücken zu spicken, macht ihn nicht besser. Aber mir gefällt die Fähigkeit der Sprache – oder ihrer Sprecher? – genau passende Wörter für komplizierte Sachverhalte zu bilden. Denn ein Fachwort ist ja nicht nur ein vermeintlich esoterischer, den Außenstehenden unverständlicher Ersatz für einen allgemeinsprachlichen Begriff. Vielmehr klingen in der Spezialistensprache ganz neue Bedeutungszusammenhänge und oft auch viel still vorausgesetztes Know-how mit an.

Kürzlich lernte ich was Neues kennen, ein schönes Wort, das mich in die Welt der Forstwirtschaft führte:

fe|meln (schw. V.): forstwirtschaftliches Verfahren, bei dem Bäume verschiedener Altersklassen zusammen kultiviert werden. Geht auf den Forstwirtschaftsprofessor Karl Gayer zurück, der das Femeln Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb. Alternative zu dem in Monokulturen praktizierten Kahlschlag-Verfahren, bei dem die Bäume anfällig für Schädlinge (Borkenkäfer), Verbiss und Windbruch sind. → Femelschlag, herausfemeln

Der Duden kennt für “femeln” noch eine andere Bedeutung, die weniger im forstwirtschaftlichen, sondern eher im “Ey, ist vom Balkon, knallt aber total”-Milieu zu Hause ist:  Die bereits reifen männlichen Hanfpflanzen im Voraus ernten.

Andere Sprachwelten, die mir gefallen, sind die Druckersprache  (dass ich ca. 1995 ein mir angebotenes antiquarisches “Handbuch der Druckersprache” nicht gekauft habe, wurmt mich noch heute) – und alles Seefahrerisch-Nautische. Ja, man kann viel lernen, wenn man einmal unbekannte Bedeutungsgewässer ablotet.

Wie ist das bei euch? Seid ihr auch solche Wortsammler? Welche Fremdwörter mögt ihr besonders gerne, und was bedeuten sie?

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Ich arbeite freiberuflich, meistens alleine und oft auch kreativ.  Deswegen sind In-den-Fluss-Kommen, Arbeitsmotivation und überhaupt das Herstellen des Zustandes, in dem ich gut arbeiten kann, für mich sehr wichtige Themen. Latent habe ich das immer im Blick, ich sehe mir selbst immer ein bisschen beim Arbeiten zu. Und das schon seit vielen Jahren. Dabei sind mir ein paar Sachen aufgefallen:

  • Der Drang zur Perfektion hemmt. Ungemein. Schafft man es, sich davon zu befreien – und zwar wirklich (nicht denken: um perfekt zu sein, muss ich nur meinen Perfektionismus abstreifen) – fluppt die Arbeit fast von selbst. Ein Mittel dazu ist, sich selbst immer wieder die Erlaubnis zu geben, irgendwas ganz Unperfektes zu machen. (Na gut, das ist nicht besonders weise, das steht in jedem Produktivitätsbuch auf der dritten Seite. Aber ich lese gar keine Produktivitätsbücher. Und es ist wirklich was Anderes, wenn man die Erfahrung am eigenen Leib macht.)
  • Ich weiß nicht, ob wirklich jeder Mensch kreativ ist, wie immer gern behauptet wird. Vielleicht jeder Mensch ein bisschen, und manche etwas mehr? Ich habe aber beobachtet, dass kreative Tätigkeit auf einem Gebiet auch woanders Kreativität freisetzt. Wenn ich mit Freude einen alten Stuhl mit Rosenmuster bemale, fällt auch das Schreiben hinterher leicht.
  • Wenn das, was man unternimmt, um besser arbeiten zu können, auch nur eine Pflichtübung ist, hilft es nicht so gut. Arbeitsbefördernde Maßnahmen sollten Spaß machen.

Ich habe jetzt ein Tool gefunden, mit dem ich unperfekt kreativ bin und dessen Benutzung mir viel Freude bereitet. Ganz nebenbei kann ich es – wenn ich möchte – auch wirklich produktiv einsetzen. Es kostet 79 Cent (ein iPad sollte man schon haben) und heißt PenUltimate.

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Ich kann am besten da arbeiten, wo es nicht so sehr nach “Büro” aussieht. Mir gefallen zum Beispiel diese Gartenschupp…, äh, Worksheds. Ich könnte mir auch vorstellen, in so einem umgebauten Zirkuswagen zu arbeiten oder auf einem Hausboot (habe schon mal kurzzeitig auf einem gewohnt und als alte Seglerin hab ich eh einen Bezug zu allem, was wässrig ist und ein bißchen schaukelt). Und es gibt noch eine Menge anderer Orte, die ich inspirierend und toll finde. Wie zum Beispiel das hier:

Die Cartoonistin und Illustratorin Wendy McNaughton hat diesen Workplace für eine Designmesse entworfen. Ganz schön viel Sperrholz [1], aber ich mag den Humor, den Möbelmix, die kreative Athmosphäre und den Werkstattcharakter.

Und nun würde mich aber interessieren:  Wie sieht euer idealer Arbeitsplatz aus? Schickt Fotos, Links, Wortbeiträge und Zeichnungen!

[1]  Und was spricht eigentlich gegen Sperrholz? Ich mag’s! Wohnte ich etwas näher dran, würde ich versuchen, in dieser wunderbar sperrholzigen Co-Working-Welt einen Platz zu kriegen.

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Schreiben ist körperlich nicht so fordernd wie die Arbeit in Bergwerken oder auf seegehenden Schiffen. Doch bestimmte Körperpraxen befördern das Denken und Schreiben: Es ist von vielen Schriftstellern bekannt, dass sie eigene Rituale und Regeln für Speise, Schlaf und sozialen Umgang haben, um überhaupt schreiben zu können. Askese gehört oft dazu. Es scheint, dass es sich leicht hungrig, leicht müde oder leicht frierend besser schreibt als wenn alle körperlichen Bedürfnisse gestillt sind. Die Illustratorin Wendy MacNaughton hat recherchiert und aufgezeichnet, was berühmte Schriftsteller bei der Arbeit so aßen und essen. Im NYTimes-Blog kann mans nachlesen. Interessant! Tief im Schreibprozess steckend verlangt der Körper oft ganz besondere Speise. Essen, das wenig ablenkt (langwierige Zubereitung ist zu vermeiden, außer man lässt kochen); immer gleiches Essen, dessen Verzehr ritualhaft wirkt (um sich in Schreiblaune zu bringen); Essen, das den Organismus nicht belastet (Plenus venter non studet libenter  ← humanistische Bildung vortäuschen mit Google); Essen, dessen Verzehr motorisch herausfordernd ist, um überschüssige Energie abzubauen (nag, nag, nag).

PS: Was esst ihr so, wenn ihr bis zum Kragen in konzentrierter Schreib(tisch)arbeit stecktt?

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So ganz ungelobt gehe ich nicht durchs Leben. Manchmal bekomme ich Mails von begeisterten Lesern oder Workshopteilnehmern, denen ich das eine oder andere Glühbirnen-Erlebnis verschafft habe. Redakteuren gefallen meine Texte in der Regel und manchmal sagen sie’s auch. Meine Kunden freuen sich über leserfreundliche, anschauliche Webtexte, Pressemeldungen und Anderes, und deren Kunden dann hoffentlich auch.

Aber heute flatterte mir die beste Fanpost ins Mailpostfach, die ich je las. Die Kurzform: Inhaltlich interessiert mich dein Blog eigentlich gar nicht, aber ich habe es trotzdem gelesen, weil es so gut geschrieben ist. Ist das nicht das beste Texterlob, das man sich denken kann? Yesss, genau so will ich immer schreiben! Damit das passiert. Ich mit meinen Texten Leute interessiere und in den Bann schlage.

Mit Erlaubnis des Verfassers hier der leicht gekürzte Originalwortlaut. Weil ich mich so gefreut habe. Und weil es wirklich ein Ansporn ist, gut zu schreiben – nicht nur für mich, sondern hoffentlich auch für Kolleginnen und Kollegen. Und ein Plädoyer für professionelle Texte von Leuten, die ihr Handwerk verstehen.

Hallo Sibylle,

du hattest auf dem *****-Blog den Beitrag über die *****  kommentiert. […] Deinen Blog habe ich mir kurz angesehen, bin dann länger hängengeblieben. Nicht wegen der Inhalte. Die sind für mich – mit Ausnahme der *****themen – nicht interessant. Aber der Schreibstil. So gut konsumierbare Beiträge habe ich bisher nicht gesehen. Konsumierbar meine ich dabei nicht im kapitalistischen Sinne. […] Bei Dir sehe ich die Freude am Schreiben und Beschreiben. Die sehr kurzen Sätze machen Spaß. Die Hervorhebungen lassen den Text schnell erschließen. Der Satzbau ist abwechslungsreich. Zwischenüberschriften strukturieren gut. Ich sehe viele gut gewählte und interessante Adjektive. […] Dann habe ich deinen Stil gesehen und mich gefreut. Weil er mir sehr gut gefällt. Bei all den Aus- und Fortbildungen für Online-Schreiber: so gut umgesetzt gesehen habe ich es bisher nicht.

Gute Texte wirken eben doch!

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Denken und schreiben

Ich schreibe sehr viel. Schreiben ist mein Beruf. Nicht immer benutze ich dafür einen Computer. Wenn besonders flüchtige Gedanken festgehalten werden müssen – also Ideen, erste Entwürfe, Ahnungen, Intuitionen, Formulierungen – schreibe ich mit der Hand. Der Weg zum Computer wäre ein viel zu langer Umweg, ich würde den Gedanken verlieren. Spätestens, wenn mir der Cursor entgegenblinkte, wäre mein Hirn ebenso leer wie das weiße Textdokument vor mir. Ich brauche also Stift und Papier, um zu arbeiten. Welcher Stift das ist, steht fest: ein alter Steno-Füller der Marke Pelikan, ich habe ihn mir gekauft, als ich in meine erste eigene Wohnung gezogen bin, das war vor über zwanzig Jahren. Wir sind wunderbar aneinander gewöhnt, er und ich. Wenn ich ihn in der Hand habe, bekomme ich auch zarteste Gedankenknospen leicht aufs Papier. Beim Papier bin ich auch wählerisch, aber nicht so festgelegt. Konzepte schreibe ich meist auf lose A4-Bögen, gerne auch auf welche, die vormals einem anderen Zweck dienlich waren, das befreit vom Zwang zur Perfektion. Paradiesisch, als ich in der Nachbarschaft einer Druckerei arbeitete und dort großzügig mit Fehlbedrucktem beschenkt wurde. Lange schrieb ich auf der Rückseite falsch gedruckter Noten, an die crèmefarbene Glätte des Papiers denke ich heute noch manchmal.

Das ideale Notizheft

Notizhefte brauche ich aber auch! Für Ideen und Konzepte, die nicht so schnell in die digitale Form überführt werden, die reifen müssen und mich längere Zeit begleiten. Für Kleinnotizen, die auf Zettelchen sonst verloren gingen. Auf Reisen. Und Notizbücher und -hefte sind ein schwieriges Thema. Auf keinen Fall dürfen sie zu repräsentativ aussehen. Buchbinden kann ich sowieso selbst, da brauche ich keine fünfunddreissig Euro in einem “reiche-Weiber-Schreibwarenladen” (Max Goldt) hinzulegen. Außerdem hemmt mich die buchbinderische Prachtentfaltung, und transportabel sind diese Renommierbrocken kaum. Damit es für mich funktioniert, muss das Notizbuch Arbeitsgerät-Appeal haben. Die Seiten sollten liniert sein, der Linienabstand darf gerne etwas enger sein als normal, um meine große Handschrift etwas in Schach zu halten. Ganz wichtig: die Lineatur darf nicht zu dunkel sein. Getöntes Papier mag ich lieber als weißes. Bei den Covern bin ich nicht so zimperlich: weiche fassen sich besser an, harte geben eine gute Unterlage beim Schreiben unterwegs – beides ist gut. Die Hauptsache, das Heft lässt sich gut aufklappen.

Im Prinzip habe ich mein ideales Notizgerät schon gefunden. Der Hersteller heißt Whitelines, kommt aus Schweden, und die Idee ist genial: hellgrau getöntes Papier mit weißen Linien. Gibts in diversen Größen und Bindungen, bezahlbar auch. Jedoch, ach und weh: Das komplette Whitelines-Sortiment ist nur in einem Schreibwarenladen am anderen Ende der Stadt erhältlich!

Suche nach dem zweitbesten Notizheft

Deswegen nahm ich einen mittäglichen Nachdenk-Spaziergang zum Anlass, um in einigen vielversprechenden Geschäften in der Nachbarschaft nach Alternativen zu schauen. Ich fand aber keine. Nach einigem Winden griff ich zu einem Heft von Moleskine. Ich wollte diese Marke immer vermeiden, deren Legendenmarketing finde ich penetrant und die Machos Picasso und Hemigway, die angeblich bereits mit Moleskines gearbeitet haben, sind nicht grade die Testimonials, die mich vom Hocker reißen (darf man das eigentlich überhaupt, einfach so mit Toten werben?). Doch das Heft hatte ein gutes Format, ein angenehmes Cover, schöne runde Ecken und ein transportfreundliches Gummizugband. Ich war zufrieden, über den neuen Gedankenbehälter und meinen markenressentiment-befreiten Pragmatismus beim Kauf.

Den ich fünfzehn Minuten und eine Notiz später schon bedauerte. Ich stellte fest, dass sich das “legendäre Notizbuches der Künstler und Intellektuellen der vergangenen zwei Jahrhunderte” (Moleskine-Eigendarstellung) legendär schlecht mit Füller beschriften lässt: die Tinte läuft aus und schlägt durch. Schrieben van Gogh, Picasso und Hemingway mit Kulis? Oder muss man sich doch an den berühmten Reisenden Chatwin halten, der ebenfalls als Moleskine-Testimonial bemüht wird? Chatwin, von dem ich nur ein Buch gelesen habe, aus dem ich exakt einen Satz erinnere. Wie er vergebens versucht, in Paris sein Lieblings-Notizbuch zu kaufen. Und die Verkäuferin sagt zu ihm: “La vraie moleskine n’existe plus.” – “Das echte Moleskine gibt es nicht mehr.” So wird es wohl sein. Das Remake mit dem ausgeborgten Marken-Mythos ist jedenfalls nicht so der Hit.

Was mache ich jetzt mit meinem angefangenen Heft? Mit Kugelschreiber kann ich nicht denken.

PS: Das allerallerbeste Notizheft der Welt ist von Smythson. Ich bekam mal eines geschenkt. Das mit Abstand beste Notizheft, das ich je hatte. Es verbindet Luxus und Arbeitsgerät-Appeal: Glattes, dünnes, füllerfestes Papier in zartblau mit perfekter Lineatur. Es raschelt köstlich und beschreibt sich perfekt. Silberschnitt! Und ein strukturierter weicher Lammledereinband mit Silberprägung. Leider zu wahrhaft königlichen Preisen, daher als Alltagstool ungeeignet.

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Dies ist ein Blogpost mit gleich drei Sujets: ein bißchen Sprachkritik, ein bißchen Bericht von meinem Schreibtisch und eine Buch- und Linkempfehlung. Eigentlich soll man Botschaften ja immer schön fokussieren etc., aber da ich die Herrin in meinem eigenen (Blog)haus bin, mach ich das einfach mal so und serviere euch einen Themeneintopf.

Manchmal beneide ich alle, deren Muttersprache Englisch oder Amerikanisch ist. Einige Begriffe sind da einfach treffender, voller und zeitgemäßer. So gibt es Graphic Novels anstelle der – ja, was? Comicromane? Und Infografik heißt Visual Journalism. Bei “Infografik” denkt man ja sofort an dröge Tortendiagramme und fade Balkengrafiken. Der Begriff Visual Journalism klingt nicht nur viel sexier und spannender und relevanter, er gibt auch viel besser die komplexe Arbeit eines Infografikers wieder – wie ich weiß, seit ich Jan Schwochow, den Chef der berühmten Agentur Golden Section Graphics im vergangenen Jahr mal interviewen durfte (der Artikel erschien in der Special-Interest-Zeitschrift Illustrator Aktuell/Service und ist leider nicht online zu sehen). Und wie ich darauf komme? Ich lese und betrachte gerade das tolle Buch The Visual Miscellaneum: A Colorful Guide to the World’s Most Consequential Trivia des Briten David McCandless. Wer sich auch nur im entferntesten für a) Gestaltung b) Infografik und c) Trivia interessiert, wird viel Freude daran haben. Der Autor hat auch eine Website, sie hat den schönen Titel Information is Beautiful, dort kann man sich selbst davon überzeugen, dass, ja, Information etwas sehr Schönes ist.

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… wegen zeitkritischen Großprojekts. Ganz schließen werde ich den textanfall nicht, aber so bis Mitte September wird hier erheblich weniger los sein als sonst.

Der Grund? Türen sind zum Durchlugen da – oder nicht? Auch Klicken hilft, eventuell bestehende Neugierde zu stillen.

PS: Ich weiß, dass die Bildmetapher mit der verschlossenen Tür nicht ganz passt,
denn ich mache den textanfall ja nicht komplett dicht. Aber mir gefiel die Collageidee.

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