❧  textanfall

Archive
Tag "Fotografie"

Dass Schönheit tatsächlich im Auge des Betrachters liegt, demonstrieren die Fotoarbeiten von Jacqueline Hayden. Und auch, dass dieser Spruch keine tote Phrase ist, sondern sogar gesellschaftskritisch gewendet werden kann. Hayden hat Fotos nackter Menschenkörper – mittelalte und alte, knochige und beleibte, krumme und gestreckte, straffe und müde -  in den Kontext klassischer Antikensammlungen hineinmontiert, alles in Schwarzweiss. Bei ihr stehen und liegen Körper auf Museumssockeln, von denen man sonst – den Werbeanzeigen-Modemagazin-Model-Normkörper im Sinn – den Blick lieber schnell abwendet. Auch ein wenig schamhaft abwendet: “sowas” kann ja wohl nicht für die öffentliche Darbietung vorgesehen sein. Kaum stehen diese Körper auf Podesten, zwischen Gemälden, in Museumssälen, guckt man aber doch. Und man sieht nichts Schreckliches. Sondern einfach die Vielzahl von Körperformen, die es sowieso gibt. Und die (Dove-Kampagne und modellose “Brigitte” hin oder her) kaum präsent ist in Medien und Werbung. Was leider unsere eigene Wahrnehmung – von uns selbst, von anderen, von Schönheit – stark beeinflusst. Ich möchte überall ganz verschiedene Menschenkörper sehen: in der Zeitung, auf Plakatwänden und im TV. Die Gossip-Sängerin Beth Ditto (geschätzter BMI: 39,5) ist ja schon mal ein guter Anfang, aber es gibt doch noch mehr Parameter außer schlank/dick, mit denen man spielen könnte. (Hm, faltige berühmte Musiker gibts ja eigentlich schon. Aber leider finde ich die Stones so schlimm, dass mir dafür noch nicht mal ein Adjektiv einfällt. Kennt wer noch andere Falten-Testimonials?)

Mehr lesen

Vielleicht bin ich manchmal ein bißchen zu freigiebig mit Superlativen. Hier bin ich mir jedoch ganz sicher, dass er gerechtfertigt ist. Das allerbeste, wunderbarste Vogel-Fotobuch hat den einfachen Titel “Bird” und ist von Andrew Zuckerman. Bei amazon ist der rund 300 Seiten starke Band derzeit für knapp 36 Euro zu haben (bisher kostete er über 70). Er zeigt die Vögel nicht in ihrem natürlichen Habitat, sondern in knackiger Schärfe und klaren Farben auf weißem Hintergund. (Ich würde mich mit Andrew Zuckerman gerne mal über Freistellungstechniken in Photoshop unterhalten, ich denke, er hat darüber viel zu sagen …)

Auf der auch unglaublich schönen Website zum Buch kann man sich einen ersten Eindruck verschaffen.

Das Bild unten habe ich von besagter Website gemopst. Rein vorsorglich weise ich darauf hin, dass die Verwendung des Bildes hier im Blog total unkommerziell und rein privat ist. Das Foto zeigt einen Buntfalken (Falco sparverius), auch bekannt als Amerikanischer Turmfalke.

PS: Erst jetzt fällt mir auf, dass die Ästhetik der Zuckerman’schen Tierporträts ziemliche Ähnlichkeit mit den Aquarellen und Guachen von Walton Ford in der aktuellen Berliner Ausstellung Bestiarium hat. Natürlich tritt Zuckerman eher mit einem dokumentarischen Gestus an und Walton Ford zitiert Historisches, und will verstören. Aber der staunende und detailbesessene Blick auf die (Tier-)Welt, der ist sehr ähnlich. Und auch das Kataloghafte, Ordnende. Bei Zuckerman einfach so, bei Ford als Zitat einer Epoche, in der die Pflanzen und Tiere, ja, vermutlich überhaupt die Welt, erforscht und katalogisiert wurden. Und trotz ihrer “modernen” Anmutung haben auch Zuckermans Fotos etwas stark Allegorisches. etc pp.

Mehr lesen

Mehr lesen

Ich bin Autorin und Texterin. Naturgemäß habe ich viel mit Wörtern zu tun. Das war eine kluge Berufswahl, denn Wörter gefallen mir. Als ich einigermaßen schreiben konnte, habe ich Listen mit Wörtern angefertigt, deren Klang mir gefiel. Ich streite mich manchmal um Bedeutungsnuancen. Ich suche immer den genauesten Begriff. Mein Wortschatz ist möglicherweise etwas größer als beim durchschnittlichen deutschen Muttersprachler.

Aber manchmal finde ich Wörter, die ich weder aktiv noch passiv beherrsche. Was ist der, die oder das Bokeh? Nein, nicht die Schreibweise für “Bouquet” nach der fünften Rechtschreibreform. Sondern was Fotografisches.

Mehr gibts nach dem Break.

Mehr lesen

Der Verlag Galileo Press (jaja, es ist auch “meiner“, deswegen bin ich nicht ganz unvoreingenommen) ist ja längst nicht nur Buchproduzent. Seit einigen Jahren gibt es aus dem Hause Galileo auch tolle, schon mehrfach preisgekrönte Video-Trainings. Außerdem sind die Galileos immer sehr freigiebig mit ihrem Know-how, was ich extrem sympathisch finde: von E-Books über Tech-Talks bis hin zu Video-Trailern kann man auf der Site viel Wissen umsonst abstauben (und sich nebenbei von der guten Qualität überzeugen).

Nun hat Galileo ein neues Projekt angeschoben: Blende 8 heißt ein Video-Podcast zum Thema Fotografie, zu finden ist es unter http://foto.galileodesign-podcast.de. Bisher sind erst ein paar Videos zu sehen, die machen jedoch einen guten Eindruck. Thematisch ist es ein Fotografie-Rundumschlag: Kamera-Review, Kauftipps für Stative, Fototipps fürs Studio und Draußen – alles ist dabei. Die Zielgruppe scheinen weniger Profis als ambitionierte Amateure zu sein – ich habe jedenfalls alles gut nachvollziehen können. Sehr nett. Hinklicken, Feed abonnieren (gibts in HD und für iPods)!
Nach dem Break gibts Tipps zum Fotografieren von Panoramen zu sehen. Laden dauert ein kleines Momentchen …

Mehr lesen

Ein Einleger meines Notizbuchs ist voll und bevor ich ihn durch ein leeres Heft ersetze, blättere ich schnell noch einmal durch.

Bei der letztjährigen Fotokina habe ich auch die sehr gute Fotoausstellung “Visual Gallery” besucht. Besonders gefallen haben mit die Arbeiten von Esther Haase, die unter dem Titel “Seltene Momente von Echtheit” Modofotos mit alten Menschen inszeniert. Wenn man das hört, springen erst einmal sämtliche Abwehrreflexe an: Omas in Westwood – ist das nicht bloß billige Provokation? Denunziatorisch? Ein geschickt eingesetzter Schocker? – Nein, ist es nicht. Und sobald man sich die wunderbaren Fotos ansieht, erkennt man beschämt, dass diese Bedenken darauf verweisen, dass man selbst ein ziemlich schräges Konzept von “den Alten” hat. Eines, das völlig ausblendet, dass diese natürlich einen eigenen Kopf, einen eigenen Willen und eine eigene Geschichte haben und sich gar nicht so einfach instrumentalisieren lassen, wie man so wohlmeinend und vermeintlich political correct glaubt. Und dass es auch mit über Achtzig Spaß an der Selbstinszenierung geben kann.

Esther Haases Fotos sind sind einfach klasse, mehr Adjektive müssen da gar nicht sein. Und sie fotografiert auch nicht professionelle wohlgepflegte Fünfzig-Plus-Models, wie man sie von der Dove-Kampagne kennt, sondern “echte” Alte, Klienten eines Berliner Pflegedienstes. Und das macht sie schon seit vielen Jahren. Man kennt sich, und das sieht man den Bildern auch an.

Ach so, und was war jetzt mit dem Notizbuch? In der Ausstellung gab es nicht nur Fotos. Die Fotografierten wurden auch zitiert.

Manchmal hole ich meine Kleider aus dem Schrank und denke: Gott ja? Ich habe inzwischen mehr Falten als die. Aber ich hatte auch mehr Spaß.

(Traute Wysocki, geboren 1920)

Ich hoffe, dass ich dereinst auch einmal so etwas sagen kann. Die Falten sind jedenfalls schon mal in Arbeit …

PS: Die Sächsische Zeitung berichtete unter dem schönen Titel “Sie träumen von einer Welt ohne Seniorenteller” über das Projekt und zeigt auch das Haase-Foto von Traute Wysocki.

Mehr lesen