❧  textanfall

Ich habe ein skurriles Hobby (Links für Vogelfreunde)

Mit dem Garten fing alles an. Seit 2002 habe ich einen Kleingarten vor den Toren Berlins, so richtig schön mit Laube, Wald rundrum und See in der Nähe. Dort baue ich etwas Gemüse an, habe ein Bauernstaudenbeet und – wenn alles gut geht – dieses Jahr sogar die ersten Äpfel der guten alten Sorte Rote Sternrenette.

Wenn man viel im Garten arbeitet und übernachtet (die Frühlingsmorgende, wenn alles um vier Uhr lossingt!), lernt man natürlich auch die Vögel näher kennen. Die wohnen da ja auch. Mithilfe einer Vogelstimmen-CD habe ich gelernt, einige Arten anhand des Gesanges zu unterscheiden. Sehr gerne höre ich die Kohlmeise, eigentlich nicht besonders schön, aber sehr frühlingstypisch.

Den Zilpzalp lernt man leicht, der geht nämlich so: Zilpzalpzalpzilpzalpzalpzalpzilp. Bei unserer Nachtigall bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht eigentlich ein Sprosser ist, obwohl die eher nordöstlich leben – aber angeblich gibt es auch in Berlin einige. Den leichten Konversationstonfall der Amsel kennt man von den Beatles (“Blackbird singin’ in the dead of night…”), am lustigsten ist die Singdrossel. Sie singt abends, wenn die anderen schon aufgehört haben und erinnert mit ihren abrupten Wechseln an diese Art von Autoalarmanlagen, die fünf verschiedene Signaltöne nacheinander abspielen. Im Frühling ist der adrette Eichelhäher im Paarungstaumel ganz nahe herangekommen und saß kurz auf dem Ulmenstrauch, etwa einen Meter von uns entfernt. Schön ist er mit seinem blauen Flügelschmuck, aber im Herbst kann das sehr ausdauernd vorgebrachte Kräkkrääk enervierend sein. Eicheln säen tut er übrigens wirklich.

Nun bin ich zwar keine gute Vogelkundlerin geworden (bei meiner Dioptrienzahl eh unwahrscheinlich), aber Amsel, Drossel, Fink und Star kenne ich auseinander. Und ich bin infiziert: inzwischen habe ich drei Bestimmungsbücher, zwei Vogelstimmen-CDs und rund zwanzig Birding-Links in meinen Bookmarks. Und den Freitag abend habe ich mir nicht in der Stadt, sondern mit anderen Irren auf einem kalten ehemaligen Truppenübungsplatz nördlich von Berlin um die Ohren gehauen, um den seltenen Ziegenmelker (der Vogel, der wie Mopped klingt) zu hören. Wir haben ihn nicht nur gehört, sondern sogar bei Tageslicht und im vollen Flug gesehen. Das ist ein großes Glück: der am Boden lebende, etwa 25 cm große Vogel ist nicht nur ein Meister der Tarnung, sondern eigentlich auch nachtaktiv. Und bei so kaltem Wetter bleibt er lieber sitzen und versteckt sich.

Und was soll ich sagen: so ein bißchen skurril sein macht mir viel Spaß. Bei der nächsten Exkursion muss ich nur daran denken, einen wärmeren Pullover einzustecken.

5 comments
  1. Sylke says: 8. Juni 200911:17

    Du bist nicht allein! http://www.youtube.com/watch?v=eMLlb2SvLCY (1:56)

    Viele Grüße!
    y

  2. Sibylle Muehlke says: 8. Juni 200911:29

    :-) Sehr lustig!

    Tatsächlich waren alle Leute, die ich bisher in der Ausübung meines skurrilen Hobbys getroffen habe, sehr nett. Und auch durchaus gebildet und so. Sogar einer meiner Lieblingsautoren macht es: http://www.newyorker.com/archive/2005/08/08/050808fa_fact_franzen

  3. Sibylle Muehlke says: 8. Juni 200912:12

    Nochmal Jonathan Franzen, derselbe Artikel in voller Länge, ohne Registrierung zu lesen.

    My bird Problem
    http://www.sguez.com/cgi-bin/ceilidh/adult/?C31888045200A-5745-954-00.htm

  4. simon says: 9. Juni 200912:30

    Der Ziegenmelker ist ein Unglücksbote, denn er verbreitet sich dank Klimawandel nach Norden, die olle Nachtschwalbe. In der Wikipedia steht, er sei in Mitteleuropa “lückig verbreitet”.

  5. Sibylle Muehlke says: 10. Juni 200917:05

    Da stand ich wohl grade in einer der Lücken …

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