❧  textanfall

Antarktische Expeditionsgeschichte, gut konserviert

Darüber, wie die Alltagsgegenstände von Antarktishelden aussehen, kann man sich leicht ein Bild machen. Denn die Depots und Hütten sind durch das kalte und trockene Polklima gut erhalten, und die Forscher hatten vielfach keine Gelegenheit, zu diesen Orten zurückzukehren und “aufzuräumen”. Socken hängen auf der Leine, Brotlaibe liegen herum, neben der Tür eine Kiste mit Pinguineiern, zur späteren wissenschaftlichen Auswertung bestimmt. Antonio Martínez Ron gewährt uns in seinem Blog Fogonazos einen Einblick in diese Zeitkapseln und zeigt eine Fotostrecke mit den Hütten von Scott und Shackleton.

Wie kommt dieser Link in meine Bookmark-Sammlung?

Polarforschung hat mich schon immer begeistert. Als Kind habe ich mit der Nachbarschaftsbande im Winter “Scott und Amundsen” gespielt (niemand wollte damals zu “Scotts” Expedition gehören, die ja bekanntlich beim Rennen um den Südpol gegen Amundsen unterlag und auf dem Rückweg ums Leben kam), ich habe eine ganze Reihe Expeditionsberichte und anderer Bücher zum Thema gelesen und in St. Petersburg das berühmte Arktische und Antarktische Museum besichtigt (originale Polarhelden-Ausrüstungsgegenstände! Ehrfurcht! Aura!). Meine Lieblingsgeschichte ist natürlich die von Ernest Shackleton und der Endurance-Besatzung, die unter dramatischen Umständen über 600 Tage im Eis überlebten und durch einen wirklich heldenhaften Einsatz von Shackleton selbst in nahezu letzter Minute gerettet wurden (nur um wenige Wochen später in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges “für England” zu sterben, tragisch).

Mich faszinieren der schiere Mut, der starke Wille, der die Leute – zumindest die Leitenden – angetrieben hat, aber auch der Blick in frühe PR-Arbeit (man beachte die gebrandete Lampenöl-Kiste auf dem Bild oben) und das Fundraising. Außerdem natürlich: wie ging das alles vor sich? Was haben die den ganzen Tag gemacht? Was haben sie gegessen, außer Pinguin? Womit schützten sie sich gegen die Kälte? (Der tapfere Shackleton würde vermutlich weinen, sähe er, mit welcher Ausrüstung sich gut verdienende Großstädter für eine halbtägige Umland-Wanderung bei “Globetrotter” eindecken.)

Und hier noch ein Bild der Endurance im Eis, aufgenommen vom Kameramann und Fotografen Frank Hurley, der die Expedition begleitete und dokumentierte.

PS: Kodak hat dem berühmten Expeditionsfotografen eine schön gemachte Microsite gewidmet. Klickempfehlung!

4 comments
  1. sylke says: 15. März 201013:25

    Toll.

    (Ich war ja immer eher Fan von Scott: lieber die fußlahmen Kollegen mitschleppen und dabei ehrenhaft drauf gehen, als die eigenen Hunde als “lebendes Proviant” planmässig aufzufuttern. Vom Umgang Amundsens mit seinen Inuit-Kinder-”Mitbringseln” mal ganz abgesehen …

    “Bei dieser Gelegenheit wurde Amundsen ein etwa vierjähriges Mädchen – Kakonita – gebracht, das unter Ekzemen litt. Er pflegte dieses Kind gesund, das Zuneigung für ihn entwickelte. Zur Kameradin für das Mädchen bestimmte er die nicht weniger freundliche Camilla. Während er davon ausging, dass die 12-jährige Camilla, die er für sehr “kluk” hielt, nachdem sie in Norwegen eine gute Ausbildung erhalten hatte, in ca. 5 Jahren heimreisen würde, um ihren Landsleuten zu helfen, hieß es betreffend Kakonita: Ein süßeres kleines mädchen gibt es nicht auf dieser welt. Ich sehe sie vollständig als mein eigenes an, so daß sie also für immer zu hause sein soll (S. 375). Nach einer gemeinsamen Reise durch Amerika und einem Aufenthalt in New York, fuhren die Mädchen nach Norwegen weiter, wo sie sich weitgehend Amundsens Familie anschlossen. Über die weitere Entwicklung der beiden gab es nur Gutes zu berichten. Als Amundsen 1924 in finanzielle Schwierigkeiten geriet, was ihn nicht davon abhielt stets erster Klasse zu reisen und in bekannten Luxushotels abzusteigen, nahm er dieses zum Anlass, sich seiner beiden Ziehtöchter zu entledigen (S. 452), indem er sie nach Sibirien zurückschickte. Besonders bemerkenswert: „Opapa“ hatte keine Vorsorge für das weitere Leben der kleinen Kakonita getroffen, das lässt sich aus einem Brief entnehmen, den er Mitte 1926 erhielt (S. 579). Wie er darauf reagiert hat, ist nicht bekannt. ”
    (Buchbesprechung “Bomann-Larsen, T.:Amundsen – Bezwinger beider Pole.”, s. 137, http://epic.awi.de/Publications/Ber2008d.pdf )

  2. Sibylle says: 15. März 201014:00

    Heute sehe ich das auch differenzierter und finde Scott sympathischer. Aber so mit 8, 9 Jahren hat man eben noch eine einfachere Sicht auf die Dinge.

    Danke für den klasse Buchtipp!

  3. Onno says: 21. März 201010:22

    Moin Sibylle,

    Meine Lieblingsgeschichte ist natürlich die von Ernest Shackleton und der Endurance-Besatzung, die unter dramatischen Umständen über 600 Tage im Eis überlebten und durch einen wirklich heldenhaften Einsatz von Shackleton selbst in nahezu letzter Minute gerettet wurden (nur um wenige Wochen später in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges “für England” zu sterben, tragisch)

    Da starben sicherlich eine Menge Menschen, aber nicht Shackleton soweit ich weiß. Nach der Querung Südgeorgiens erreichte er am 20-05-1916 Grytviken, im März 1919 kehrte er aus dem Krieg zurück und verstarb während der Shackleton-Rowett Expedition an Bord der Quest am 05-01-1922 im Hafen von Grytviken. Dort ist auch sein Grab.

    Bild von Shackletons Grab:
    http://www.heinphoto.com/antarctica/south_georgia/DSC_0586_Grytviken_11-27-02.htm

    Fein zum Stöbern – The James Caird Society:
    http://www.jamescairdsociety.com/

    PS: Natürlich hängt hinter meinem Schreibtisch ein feines Bild der Endurance von Frank Hurley…

  4. Sibylle says: 21. März 201017:14

    (WP hat das Zitat in deinem Kommentar beim Freischalten leider entquotet.)

    Ja, Shackleton starb nicht im Krieg, aber viele Männer der Endurance sind wirklich wenige Wochen nach der Rettung in den Krieg gezogen und verloren ihr Leben.

    Danke für die Links. Sehr interessant!

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