❧  textanfall

Role Model (Esther Haases Modefotos mit Alten)

Ein Einleger meines Notizbuchs ist voll und bevor ich ihn durch ein leeres Heft ersetze, blättere ich schnell noch einmal durch.

Bei der letztjährigen Fotokina habe ich auch die sehr gute Fotoausstellung “Visual Gallery” besucht. Besonders gefallen haben mit die Arbeiten von Esther Haase, die unter dem Titel “Seltene Momente von Echtheit” Modofotos mit alten Menschen inszeniert. Wenn man das hört, springen erst einmal sämtliche Abwehrreflexe an: Omas in Westwood – ist das nicht bloß billige Provokation? Denunziatorisch? Ein geschickt eingesetzter Schocker? – Nein, ist es nicht. Und sobald man sich die wunderbaren Fotos ansieht, erkennt man beschämt, dass diese Bedenken darauf verweisen, dass man selbst ein ziemlich schräges Konzept von “den Alten” hat. Eines, das völlig ausblendet, dass diese natürlich einen eigenen Kopf, einen eigenen Willen und eine eigene Geschichte haben und sich gar nicht so einfach instrumentalisieren lassen, wie man so wohlmeinend und vermeintlich political correct glaubt. Und dass es auch mit über Achtzig Spaß an der Selbstinszenierung geben kann.

Esther Haases Fotos sind sind einfach klasse, mehr Adjektive müssen da gar nicht sein. Und sie fotografiert auch nicht professionelle wohlgepflegte Fünfzig-Plus-Models, wie man sie von der Dove-Kampagne kennt, sondern “echte” Alte, Klienten eines Berliner Pflegedienstes. Und das macht sie schon seit vielen Jahren. Man kennt sich, und das sieht man den Bildern auch an.

Ach so, und was war jetzt mit dem Notizbuch? In der Ausstellung gab es nicht nur Fotos. Die Fotografierten wurden auch zitiert.

Manchmal hole ich meine Kleider aus dem Schrank und denke: Gott ja? Ich habe inzwischen mehr Falten als die. Aber ich hatte auch mehr Spaß.

(Traute Wysocki, geboren 1920)

Ich hoffe, dass ich dereinst auch einmal so etwas sagen kann. Die Falten sind jedenfalls schon mal in Arbeit …

PS: Die Sächsische Zeitung berichtete unter dem schönen Titel “Sie träumen von einer Welt ohne Seniorenteller” über das Projekt und zeigt auch das Haase-Foto von Traute Wysocki.

2 comments
  1. pzillig says: 12. Juli 200908:10

    Eine neulich hochbetagt (90) verstorbene Freundin in Österreich nahm das Wort „Seniorenteller” nicht in den Mund. Sie nannte das Ding: „Senilenteller”, was auch nicht den Appetit anregt.

  2. Sibylle says: 13. Juli 200918:30

    Gute kritische Wortschöpfung, das merk ich mir.

Submit comment