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Heimat, süße Heimat
(im Honigglas)

Lokal produzierte Imkerhonige schmecken köstlich. Sie sind im konventionellen Lebensmittelhandel kaum zu finden – neuerdings aber im Internet. Ich habe einen Artikel zum Thema geschrieben, der am 17. Juli in der taz erschien.

Das Summen über der Stadt

Auf dem Kreuzberger Dach stehen drei große Kästen in der Sonne. Tritt man näher, hört man es summen, ein leichter Wachsgeruch liegt in der Luft – es sind Bienenstöcke. Sabine Wagner ist Stadtimkerin, seit fünf Jahren hält sie Bienenvölker oben auf dem “Heilehaus” in der Waldemarstraße. Bienen in der Großstadt? Das ist weniger exotisch, als es scheint. In Berlin wird fleißig geimkert – auf Dächern, in Parks, auf Brachflächen und sogar am Rand von Friedhöfen. 560 Berliner Imker zählt der Deutsche Imkerbund, dazu kommen noch die Individualisten ohne Vereinsmitgliedschaft.

Den Berliner Stadtbienen geht es gut. Berlin ist eine der grünsten Städte Europas, die Bienen finden unterschiedlichste Blüten dicht nebeneinander – anders als in großflächigen Agrarlandschaften. Pestizide gibt es in der Stadt nicht. Manche Imker bringen ihre Völker sogar eigens zur Lindenblüte von weither nach Berlin. Schließlich gibt es hier rund 40 Lindenarten. Der Honig vom Großstadtimker schmeckt köstlich und ganz anders als die süße Ware aus dem Supermarktregal. Denn die konventionellen Lebensmittelhersteller wollen Produkte mit immer gleichem Geschmack und Aussehen erzeugen und mischen Honige verschiedener Herkunft einfach zusammen. Beim Imker jedoch kommt Trachtenhonig ins Glas, also das, was die Bienen saisonal in den Stock gebracht haben. Und die Blütenvielfalt, die in Berlin auf engstem Raum zu finden ist, spiegelt sich in den komplexen Aromen des Honigs wider.

Wo bekommt man guten Honig?

Bei Sabine Wagner ist die erste Honigernte des Jahres gerade vorbei. Auf dem Dachboden des Heilehauses stapeln sich Gläser mit hellem, milden Akazienhonig. Wohin damit? “Wir verkaufen unseren Honig unten im Café und haben keine Probleme, ihn loszuwerden”, sagt sie. Andernorts ist das schwieriger – für Honigliebhaber und Imker. Schließlich hat nicht jeder Honigfan einen Imker in der Nachbarschaft, um sich mit hochwertigem Honig einzudecken. Und im konventionellen Lebensmittelhandel gibt es selten deutschen Honig und erst recht keinen Honig aus Berlin. Im Durchschnitt haben Berliner Imker fünf Bienenvölker, die rund 150 bis 200 Gläser Honig im Jahr produzieren. Das ist zu wenig, um mit einer Lebensmittelhandelskette zu kooperieren. Vertriebsstrukturen für kleinere Imker? Märkte oder ein Schild am Gartenzaun. Schon mancher Imker hat Imkerhut und Smoker entnervt an den Nagel gehängt, weil es so schwierig ist, den Honig zu akzeptablen Preisen loszuschlagen.

Das Internet bringt Imker
und Honigesser zusammen

Das kann sich jetzt ändern. Die Berlinerin Annette Müller ist Honigenthusiastin. Und sie vermisste Möglichkeiten, an lokal produzierten Honig heranzukommen. Deshalb gründete sie Ende letzten Jahres “Berliner Honig” als Vertriebsgemeinschaft und Label für Honig aus Berlin. Via Internet bringt sie Honigproduzenten und Honigliebhaber zusammen: Man kann den Berliner Honig online bestellen oder nachschlagen, wo es Verkaufsstellen in der Nachbarschaft gibt.

Die Vorteile für die Imker: Bei “Berliner Honig” wird fair gehandelt, sie erhalten vernünftige Preise. Einen vergleichbaren Ansatz verfolgt Heike Helfenstein aus dem bayerischen Oberhaching. Auf ihrer “Heimathonig”-Website kann man Imkerhonige aus ganz Deutschland – nach Region und Qualität sortiert – bestellen und Imkeradressen suchen. “Heimathonig” sieht sich vor allem als Marketingplattform für Imker und soll später einmal kostenpflichtig werden.

Das Konzept scheint zu funktionieren, die Vertriebslücke zwischen Imkern und Honigfans schließt sich: Einige der “Berliner Honig”-Imker haben sich gerade zusätzliche Bienenvölker angeschafft, weil sie wissen, dass sie den Honig jetzt gut verkaufen; “Heimathonig” hat in kurzer Zeit etwa 100 Imker gewinnen können.

Frische und Aromenvielfalt

Und auch die Käufer profitieren – von der guten Honigqualität. “Lokal produzierter Honig ist ganz frisch, der schmeckt unglaublich intensiv”, sagt Annette Müller. Auch Imkerin und Heilpraktikerin Sabine Wagner weiß Gutes über lokale Honige zu sagen: “Wenn man täglich einen Löffel Honig aus der Nachbarschaft isst, kann das gegen Allergien helfen.” Regional produzierter Honig ist noch in anderer Hinsicht den konventionellen Honigmixen überlegen: Er ist weniger belastet. Häufig ist Honig aus “Nicht-EG-Ländern” Teil der Supermarktmischungen. Das kann bedeuten, dass Honige aus Südamerika oder Kanada dabei sind, die nicht selten Gen-Tech-Pollen enthalten oder dass die Bienen mit Antibiotika behandelt wurden. Und schließlich ist lokaler Honig aktive Heimatpflege. Wer Honig aus der Nachbarschaft isst, sorgt dafür, dass es dort weiterhin – und vielleicht bald sogar mehr – Bienen gibt. Und die tun einiges für die Umwelt: Pflanzen, Vögel und wir Menschen hängen von der Bestäubungsleistung der Bienen ab.

Links & Tipps

  • Den Berliner Heilehaus-Honig gibt es in der Waldemarstraße 36 im Heilehaus-Café, Montag bis Donnerstag ab 13 Uhr.
  • Berliner Honig und Abholadressen gibt es unter berlinerhonig.de.
  • Deutsche Imkerhonige und -adressen findet man bei heimathonig.de. Beide Projekte suchen auch noch nach weiteren Imkern, mit denen sie kooperieren können!
  • Garten- und Balkonbesitzer, die den (Berliner) Bienen etwas Gutes tun wollen, können sich beim Deutschen Imkerbund über bienenfreundliche Bepflanzung (PDF, 50 KB) informieren.
  • Schwärme retten: Besonders im Frühsommer neigen Bienenvölker zum Schwärmen. Wenn Sie einen solchen Schwarm entdecken, rufen Sie einen Imker an. In Berlin etwa das Schwarmtelefon von Clemens Harder: (01 57) 73 42 38 47.

10 comments
  1. pzillig says: 22. Juli 201014:29

    Für Honig, richtigen Honig, habe ich zwei Quellen für erlesene regionale Ware von leidenschaftlichen Imkern. Beide sind aber auch leidenschaftliche, sozial unverträgliche Querköpfe, die wohl nur mit Bienen kommunizieren können. Der eine erzählt (pro Honigkauf) zwanghaft von „geheimen Aposteln”, welche immer furchtbares Unheil über die Christenheit bringen täten. Der andere ist zwanghaft quengelig und notorischer Mängelrüger. Den haben wir schon unter Androhung körperlicher Gewalt aus der Druckerei rausgeworfen. Aber Honig haben beide, Honig …

  2. Sibylle says: 22. Juli 201015:21

    Ja, es ist wirklich ein RIESENunterschied zwischen Honig vom I.d.V.*) und dem Zeug aus der praktischen Quetschflasche. Halt dir die Querköpfe warm.

  3. Berlinessa_in_NY says: 24. Juli 201017:22

    Also wenn ich einem Schwarm Bienen begegne, renne ich. Aber nicht zum Telefon, sondern ganz einfach WEG. ;-)

    Dabei finde ich die Idee von einem Berliner Stadthonig ganz bezaubernd. In New York gibt es auch solche Dach-Imker, wie du sie beschreibst. — Da es hier jedoch kein anständiges Brot gibt, das ich mit Butter bestreichen und Honig beträufeln könnte, habe ich den New Yorker Dachhonig noch nie probiert. (Dafür mache ich ab und an mit dem Quetschhonig eine Gesichtsmaske, zu etwas anderem kann man den ja nicht nehmen.)

    Den allerbesten Honig, den ich je gegessen habe, war ein Galizischer Honig aus der Region in Spanien. Für mich echt der Rolls Royce.

  4. Sibylle says: 24. Juli 201020:00

    Also, schwärmende Honigbienen haben meist gar keine Zeit für dich, die haben zu tun. Vor denen musst du dich nicht fürchten.

    Kind, ich mach mir Sorgen, kein richtiger Quark, kein Brot – WAS gibt es denn da drüben in Amerika überhaupt Gutes zu essen?!

  5. Susi says: 25. Juli 201014:37

    Mein Schwiegervater hat ja auch geimkert. Und wir hatten quasi “echten” Honig – aber sooooo viel besser fand ich den vom Geschmack her auch wieder nicht. Süß halt. ;-)))

    Bin ich eine Honig-Baneuse? ;-)

  6. Sibylle says: 25. Juli 201015:38

    Ich kenne ja den Honig der Bienen deines Schwiegervaters nicht. Vielleicht war der tatsächlich nicht so gut. Das gibts ja auch! Ich habe auch neulich einen Imkerhonig gekauft, der mir nicht sonderlich geschmeckt hat. Der war wohl schon alt.

    Aber insgesamt lohnt sich die Beschäftigung mit diesem Geschmackskosmos. Es muss ja auch nicht immer Honigbrot sein. Hans Gerlach (mein Lieblingskochbuchautor) hat da schon eine leckere Idee ….

    Vielleicht ist Honig einfach nicht so deins.

  7. Berlinessa_in_NY says: 27. Juli 201001:31

    Ja, es ist ganz furchtbar! :-D

  8. Marcel Schelli says: 29. Juli 201009:51

    Ganz ganz großartiger Artikel.
    Vielen Dank.
    Meine 30 Gläser pro Jahr reichen gerade um meine direkten Schrebergarten-Nachbarn zu bezirzen oder je nachdem ruhig zu stellen. Aber vielleicht imkere ich irgendwann einmal im größeren Stil.
    Tolle Idee von Annette Müller.

  9. Sibylle says: 29. Juli 201011:53

    Oh, danke, lieber Marcel Schelli, für das Kompliment. Wo imkern Sie denn? Und wie haben Sie diesen Artikel gefunden, würd mich mal interesieren? Alles Gute jedenfalls für Sie und Ihre Bienen! :)

  10. [...] die taz durfte ich wieder einmal etwas über Bienenhaltung schreiben. Nach meinem Artikel über Stadtbienen ging es diesmal um eine nahezu archaische Imkereitradition, die [...]

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