❧  textanfall

Ein anderer Blick auf Körper:
Fotos von Jacqueline Hayden

Dass Schönheit tatsächlich im Auge des Betrachters liegt, demonstrieren die Fotoarbeiten von Jacqueline Hayden. Und auch, dass dieser Spruch keine tote Phrase ist, sondern sogar gesellschaftskritisch gewendet werden kann. Hayden hat Fotos nackter Menschenkörper – mittelalte und alte, knochige und beleibte, krumme und gestreckte, straffe und müde -  in den Kontext klassischer Antikensammlungen hineinmontiert, alles in Schwarzweiss. Bei ihr stehen und liegen Körper auf Museumssockeln, von denen man sonst – den Werbeanzeigen-Modemagazin-Model-Normkörper im Sinn – den Blick lieber schnell abwendet. Auch ein wenig schamhaft abwendet: “sowas” kann ja wohl nicht für die öffentliche Darbietung vorgesehen sein. Kaum stehen diese Körper auf Podesten, zwischen Gemälden, in Museumssälen, guckt man aber doch. Und man sieht nichts Schreckliches. Sondern einfach die Vielzahl von Körperformen, die es sowieso gibt. Und die (Dove-Kampagne und modellose “Brigitte” hin oder her) kaum präsent ist in Medien und Werbung. Was leider unsere eigene Wahrnehmung – von uns selbst, von anderen, von Schönheit – stark beeinflusst. Ich möchte überall ganz verschiedene Menschenkörper sehen: in der Zeitung, auf Plakatwänden und im TV. Die Gossip-Sängerin Beth Ditto (geschätzter BMI: 39,5) ist ja schon mal ein guter Anfang, aber es gibt doch noch mehr Parameter außer schlank/dick, mit denen man spielen könnte. (Hm, faltige berühmte Musiker gibts ja eigentlich schon. Aber leider finde ich die Stones so schlimm, dass mir dafür noch nicht mal ein Adjektiv einfällt. Kennt wer noch andere Falten-Testimonials?)

4 comments
  1. pzillig says: 3. Juli 201021:20

    Ja, von Herlinde Koelb. Leider ist die Fotoserie von ihrer greisen Mutter online nicht zu finden. Die ist besonders beeindruckend.

  2. Sibylle says: 5. Juli 201013:38

    Stimmt, Koelbl, da hätt ich auch selbst drauf kommen können. Danke für den Hinsweis. Werde beim nächsten Besuch in einer (wohl klimatisierten) Buchhandlung mal nach einem Faltenbildband von ihr stöbern.

  3. smilla says: 5. Februar 201122:48

    schöne serie, ich guck auch hin, und nicht weg.
    Dove und Brigitte, wenn ich mal so hastig kommentieren darf: nett Idee, mutlose Umsetzung, besonders bei Brigitte.
    Fotos *faltiger* Menschen gibts ja einige; mir fällt Louise Bourgeoise ein als *faltige* Künstlerin, und dann hab ich neulich diese tolle Serie gesehen; “Morgenliebe” von Katrin Trautner
    Morgenliebe

  4. Sibylle says: 5. Februar 201122:59

    O danke für den Hinweis auf Katrin Trautner, das Buch ist gleich auf meine amazon-Wunschliste gewandert. Ich habe einige ihrer Fotos auch schon mal irgendwo gesehen, in einem Magazin.

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