❧  textanfall

Kill your darlings – Formulierungsblockaden überwinden

Wohl jeder Schreibende kennt das: Man hängt an einer Stelle fest und sucht nach der richtigen Formulierung. Tippen, löschen, tippen, löschen, tippen und es geht nicht vorwärts. Immer wieder dieselbe Wortkette taucht auf. Man mag sich gar nicht von ihr trennen, die Formulierung ist so gelungen – und doch kommt man nicht weiter. “Kill your darlings”, lautet der einprägsam rabiat formulierte Ratschlag der Textprofis für solche Fälle. Kurzen Prozess machen soll man mit den fixen Textideen, damit Gedanken und Text wieder in Fluss kommen. Doch es ist gar nicht so einfach, den blockierenden Satzteil aus dem Hirn zu bekommen. Was hilft? Nach meiner Erfahrung dieses:

  1. Tilgen Sie die Formulierung überall, wo sie in Ihrem Dokument steht. Auch in Notizen, die auf Ihrem Schreibtisch herumliegen, streichen Sie sie kurzerhand durch – gründlich. Aus den Augen, aus dem Sinn, heißt es nicht ohne Grund, und außerdem erfüllt das beherzte Löschen psychologische Funktion. Hier geht es ja schließlich um einen (Text-)Mord, der vollbracht werden muss.
  2. Gewinnen Sie Distanz. Atmen Sie durch. Machen Sie eine kurze Pause. Sehen Sie vielleicht aus dem Fenster, holen Sie sich ein neues Glas Wasser, gehen Sie eine Runde durchs Zimmer.
  3. Setzen Sie sich abseits des Schreibtischs, mit Block und Stift in der Hand. Die räumliche Trennung hilft Ihnen. Überlegen Sie, warum Sie so an Ihrem fatalen Textliebling hingen. Es geht jetzt nicht darum, eine neue Formulierung zu entwickeln (das kann passieren, soll aber nicht Ziel sein). Denken Sie an Inhalte, nicht an die Form! Notieren Sie einfach ein paar sehr lockere Stichworte, brainstormen Sie. Die Kernfragen sind: Was wollte ich eigentlich mit dieser Formulierung aussagen? Welche Funktion sollte sie haben?  Wie sollte sie beitragen, die Ziele des Textes zu erreichen?
  4. Wenn Sie Ihre Bestandsaufnahme abgeschlossen haben – nicht vorher – gehts weiter im Text. Setzen Sie sich mit Ihren Notizen wieder ans Dokument. Ausgehend von Ihrer Bestandsaufnahme sollten Sie nun in der Lage sein, den Faden wieder aufzunehmen und weiterzuspinnen. Also zum Beispiel die Gedanken, die Sie in den Text einbringen wollen, neu zu formulieren oder mit eigenen Mitteln den gewünschten Textsound zu entwickeln.

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“Kill your darlings – Formulierungsblockaden überwinden” von Sibylle Mühlke steht unter einer Creative Commons Lizenz. Die nicht-kommerzielle Nutzung ist erlaubt, wenn die Urheberin genannt und der Text nicht verändert wird.

5 comments
  1. Simon says: 3. Dezember 200816:48

    “Tilgen Sie die Formulierung” – “Gewinnen Sie Distanz” – “Seien Sie ehrgeizig, fleißig und setzen Sie sich in die erste Reihe”.

    Bei soviel Methodik wird man ja inwändig ganz staubgrau. Das ist doch wie im Deutschunterricht. Nicht, so lang ich keinen Dutt trage!!

    Nein! Mach es anders. Geh in ein Yoga-Forum – da hin zum Beispiel: http://www.yoga-welten.de/forum/yoga-allgemein.htm

    und beschimpf die alle hemmunglos. Yoga, das ist doch hinduarischer Weltbeherrschungsfaschismus, verbrämt als sprituelles Rumverrenke, Patschuliduft und dem Hintern in der Luft und troztdem nur der Drang, ewig zu leben und alle zu beherrschen. Und SOOO DEUTSCH, mein Gott, sOOOO DEUTSCH! Jede kleine Studienrätin aus Mitte macht Yoga, bah, das ist doch wie Birkenstock für die Seele,, und in Wirklichkeit kocht in Euch der HASS und die WUT und kann einfach nicht raus und deshalb dreht und windet ihr Euch, und wollt andere noch schlimmer verdrehen und verwinden werdet ihr es nie, dass ihr eigentlich wisst, wie erbärmlich ihr seid, dann lieber einfach bloss trinken, Sterni, morgen um acht schon am Kiosk anner Ecke, das ist wenigstens ehrlich, aber dafür fehlt euch der MUT, zu dieser Konsequenz, so, und jetzt muss ich was tun, ich bin ja nicht im SCHULDIENST, ihr Parasiten

    und schnell zurück zum Text und schon klappts viel besser. Wetten?

  2. Sibylle Muehlke says: 3. Dezember 200817:33

    Dass dieses Yogaforum schrecklich ist, glaub ich dir unbesehen. Aber – Herrschaftszeiten, du verwendest deine Zeit für lehrerfeindliche Tiraden? Wow, das ist ja mal echt ‘n originelles Ressentiment, hat die Welt noch nie gehört … Also ich weiß nicht, ich finde, selbst bei kathartischen Schimpfeskapaden sollte man versuchen, stilvoll und einfallsreich zu bleiben! Das macht viel mehr Spaß.

    Davon abgesehen finde ich Ablenkungs-Rumsurfen zum Überwinden von Formulierungsschwierigkeiten problematisch: das artet so leicht aus.

  3. Simon says: 3. Dezember 200817:43

    Das war ja auch ein ausgesprochen dämlicher Kommentar.

    Aber seine Vorurteile und Hasstiraden stilvoll halten zu wollen, ist schwierig. So ne Form von elitärem Anspruch wird immer bestraft. Die gefühlsintensiven Dinge des Lebens sind halt abgedroschen: Verliebt sein, Babys angurren, über Taxifahrer oder Mittebewohner abkotzen. Das muss man so hinnehmen, glaube ich, das ist Biologie, da machste nix.
    Alles andere wird so schnell verkrampft. Und dann kannst Du ja gleich methodisch vorgehen.

  4. Hans says: 4. Dezember 200808:42

    Die wahre Antwort auf Hass ist Liebe, denn jede Beschimpfung ist eine spirituelle Prüfung.

  5. Sibylle Muehlke says: 4. Dezember 200811:48

    Er hat das nicht so gemeint, das war mehr so eine rethorische Figur.

    Und nun aber genug mit Yoga, das führt zu weit weg vom Artikelthema, nicht wahr?!

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