❧  textanfall

Food is not the enemy.
Vorsatz 2011: Gut kochen, gut essen.

Status: Es ist kompliziert

Bisher habe ich Foers Fleischkritikbuch und Duves Ess-Selbstversuch-Buch links liegen lassen. Ich denke auch ohne diese Lektüre nicht gerade selten über Essen nach. Nicht nur über konkrete Gerichte, den Lunchbreak, die nächste Verlockung oder wo ich eine besondere Zutat herbekomme. Sondern vor allem über die Bedeutung von Essen jenseits seiner lebenserhaltenden Funktion. Welchen Rang Essen in “unserer Gesellschaft” so hat. Wie Individuen das Essen sehen. Wie verquer unser Verhältnis zum Essen ist. Essen ist Lebensnotwendigkeit, trotzdem wissen offenbar immer mehr Menschen immer weniger über Lebensmittel. Gestiegene Qualitätsansprüche und bewußter Nahrungskonsum stehen neben industriell erzeugtem Nahrungsschrott (die armen Tiere!). Glauben sollen wir, dass die Zubereitung von gutem Essen unglaublich aufwändig sei, weswegen wir vorfabrizierten Convenience-Mist dringend bräuchten. Gleichzeitig ist gutes Essen Genuss und außerdem ein Mittel der sozialen Distinktion. Für viele Menschen ist kulinarischer Genuss aber auch unglaublich problematisch, fast unmöglich. Essen ist mit Schuldgefühlen verbunden und etwas, das man unbedingt unter Kontrolle halten muss. Mit Kalorienlisten, Esstagebüchern, Punktezählerei. Essen und Körper(selbst-)disziplinierung sind nicht zu trennen. Ich würde sagen, gesamtgesellschaftlich ist unser Verhältnis zu Essen mindestens genau so verkorxt wie das zu Körpern und zu Sex.

Lieblose Küche sorgt für Lebensqualitäts-Verlust

Mir ist erst in den letzten Tagen aufgegangen, wieso mich dieses Thema  jüngst so stark beschäftigt. Während ich ehedem eine interessierte und halbwegs kenntnisreiche Köchin, begeisterte Gastgeberin und lustvolle Esserin war, hatte sich meine eigene Einstellung zu(m) Essen während des letzten Jahres unmerklich gewandelt. In meinem Kopf haben sich Sätze festgesetzt wie “dauert zu lange”, “mach ich mal bei einem besonderen Anlass”, “Essen macht dick”, “ich hab Wichtigeres zu tun” (was? Serien gucken?) und “macht jetzt zu viel Arbeit”. Insgeheim empfand ich mein Bedürfnis zu essen als lästig, gar gefährlich (Hüftspeck, dick und ungeliebt enden etc). Ich habe schnell und pragmatisch Standards aus meinem Repertoire gekocht, aus Vernunft, nicht aus Freude oder Esslust. Was für ein großer Lebensqualität-Verlust!

Das alles dämmerte mir erst allmählich; nach diversen Unterhaltungen mit FreundInnen und beim Lesen des smarten und mundwässernden Blogs von Anke Gröner, das mich wirklich beflügelt hat. Worum geht es da? Unter anderem darum: Mlle Gröner hat ihre frühere, offenbar nicht einfache Beziehung zum Essen revidiert, die Lust am Kochen und Essen entdeckt und da wirft sie sich nun mit Schmackes rein. Und bloggt darüber. Erst bei dieser Lektüre fiel mir auf, wie schlecht mein eigenes Verhältnis zum Essen geworden ist. Dass ich zu wenig Gutes koche und esse, war mir klar, das ganze Ausmaß nicht. Wie das passiert ist, ist eine zu lange Geschichte. Dabei bin ich eigentlich davon überzeugt, dass man schöner, gesünder und glücklicher wird, wenn man sich so oft wie möglich kocht, was man grade essen möchte. Der Körper weiß schon. Und Essen ist nicht der Feind. Gutes, selber gekochtes Essen ist toll!

Vorsatz für 2011

Ich weiß jetzt auch. Ich will viel kochen. Ich will gute Sachen essen. Und ich will Vielfalt. Ich will in diesem Jahr möglichst viele neue Zutaten und Rezepte ausprobieren, die ich noch nie gemacht habe (solange es mir Freude macht, werde ich die Ergebnisse hier verbloggen). Bin gespannt, wie viele neuen Gerichte ich in einem Jahr schaffe. Aber das soll kein Wettbewerb werden, sondern eine Lust-, Genuß- und Spaßveranstaltung. Den Einkaufs-, Koch- und Essspaß lass ich mir von körper- und genußfeindlichen Diskursen nicht mehr vermiesen!

PS: Mein zweiter Vorsatz für 2011: Weniger Sätze mit Trenn- und Bindestrichen.

3 comments
  1. Brigitte Hagedorn says: 26. Januar 201122:46

    Hallo Sibylle,

    habe ich denn jetzt noch eine Chance, dich in unsere Kantine zum Lunchen zu locken ?

    Gruß
    Brigitte

  2. Sibylle says: 26. Januar 201122:56

    Also, eure Kantine im Prinzip irgendwann auch mal gerne – schon aus Neugierde – aber erstens brauche ich willige Esser für meine Gerichte und zweitens ist das Wetter grade so brrrrr. Da radel ich so ungern. Die Chance, mich zu treffen ist größer, wenn du mal zum Abendessen kommst. Ja?

  3. Brigitte Hagedorn says: 4. Februar 201113:11

    Ohh – sorry. JA! – Gerne ;-)

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