❧  textanfall

Weg verloren, Geschichte gefunden

Seit geraumer Zeit bin ich dabei, Berlin auf dem 66-Seen-Rundweg zu umwandern: knapp 400 Kilometer, 17 recht sportliche Etappen zwischen 20 und 30 Kilometern Länge (aber flach, also nicht so wild) und eben 66 Seen, an denen man vorbeikommt. Im Sommer habe ich es auf einer Etappe tatsächlich einmal geschafft, in fünf verschiedenen Seen zu baden! Heute war das Wetter nicht so einladend: grau und sehr stürmisch mit Schauern. Aber der Drang nach Draußen war größer.

Die letzte, sehr lange Etappe hatten wir beim letzten Mal schon halbiert – im Winter gibts einfach zu wenig Tageslicht und Pausen kann man in der Kälte auch schlecht machen. So hatten wir heute nur eine kleine Halbetappe vor uns: Schönwalde (HVL) – Henningsdorf, 9 Kilometer auf dem durchgehend markierten Weg, das klang einfach. Ich hatte noch nicht einmal eine Stulle mit und dachte, dass mich das Frühstück in meinem Bauch und zwei mitgeführte Äpfel schon zum Zielort bringen würden.

Ich habe nichts dagegen, ab und zu bei Sturm und Niesel über schlammige Äcker zu wandern. Ich fühle mich da zuhause. Ich komme aus dem Münsterland. Da sieht es auch so aus. Ich gebe aber zu, dass es eine unglamouröse Beschäftigung ist. Das macht mir aber nichts.

Die kleine Umlandwanderung war offensichtlich sauer, dass sie nicht ernst genommen wurde. Mir ist passiert, was mir noch nie passiert ist: ich habe mich verlaufen. Nicht nur das – wir sind sogar im Kreis gelaufen, ohne es zu merken und ohne dass uns etwas komisch vorkam. Jedenfalls ziemlich lange nicht. Es war etwas demütigend, am Ende wieder auf der Dorfstraße in Schönwalde zu stehen. Aber unterwegs haben wir viel entdeckt!

Weitere spannende Fotos und ein detaillierter Bericht folgen nach dem Break.

So etwas zum Beispiel habe ich in der freien Natur bisher noch nicht gesehen: eine Biberbaustelle! Die von zahlreichen Entwässerungsgräben durchzogene Landschaft gefällt den großen Nagern anscheinend. Gesehen haben wir keinen, nur die Spuren. Im Mittelalter wurden Biber übrigens gegessen – sie leben ja bei und in Flüssen und wurden kurzerhand zu “Fisch” umdeklariert. So taugten sie als Fastenspeise.

Am Riesniakengraben. Die brandenburgischen Biber gehören zur Unterart des Elbe-Bibers (Castor fiber albicus). Fast der gesamte Weltbestand dieser Unterart – etwa 8000 Tiere – lebt in Deutschland, über ein Drittel davon in Brandenburg. Wegen ihrer landschaftsformenden Aktivitäten haben die Biber nicht nur Freunde, vor allem im Oderbruch wird ihr Auftreten kritisch gesehen und es gibt schon Biber-Aufklärungskampagnen. Sie stehen aber unter Schutz.

Als wir an den umgenagten Bäumen vorbeikamen, waren wir schon längst falsch gelaufen, ahnten aber noch nichts. Das taten wir erst, als das da in Sicht kam – zwei riesige, verfallende Hangare, und dahinter ein weitläufiges Gelände mit leerstehenden Häusern, die ganz offensichtlich früher militärisch genutzt worden waren. Auf unserer Karte war dieser riesige Komplex nicht eingezeichnet – jedenfalls nicht da, wo wir meinten zu sein.

▲ Just als uns dämmerte, irgendwie falsch zu sein, ging der Niesel in Regen über. Rechts die ehemaligen Flugzeughallen, nicht im Bild die weitläufige Ruinenlandschaft aus verlassenen Kasernengebäuden. Die haben wir aber nicht weiter erkundet, es war nass und schon spät.

▲ Dass es sich bei den großen Konstruktionen um Flugzeughallen handeln musste, war eigentlich schnell klar. Dass “Russen” hier waren, auch. Die großen weißen Buchstaben bedeuten “Nje kurit”, “Nicht rauchen”.

Die Geschichte des Ortes geht jedoch noch weiter zurück als bis zur Zeit der Russen-Stationierung. Das Gelände wurde laut Wikipedia schon 1935 vom Reichsluftfahrministerium gekauft und bis 1939 zum “vollständigen Fliegerhorst mit betonierter und beleuchteter Start-Landebahn sowie Funkfeuer und mehreren Flugzeughallen” ausgebaut. Es soll wohl als Ausbildungs- und Erprobungsstätte gedient haben.

▲ Obwohl die Gebäude schon so stark beschädigt waren und im Inneren Gras und Bäume wuchsen, hatte man immer noch den Eindruck eines “Innenraumes”.

Hereingetraut haben wir uns nicht. Der Sturm fuhr unter die verbliebenen Dachreste und versuchte sie loszureißen, es war laut. Nie gehörte Geräusche. Ein bißchen unheimlich. Aber vor allem schön.  Ein melancholischer, besonderer Ort. Ich mag solche Lost Places.

Rote Farbe auf verwittertem Holz. Letzte Spuren einer Armee, die 49 Jahre in Deutschland präsent war. ▼

Wenn man dem Wikipedia-Artikel Glauben schenken kann, wurde das Gelände von der sowjetischen Armee kaum als Flugplatz genutzt. Zum einen, weil das Flugfeld für modernere Maschinen zu kurz war und nicht erweitert werden konnte, und auch wegen Nähe zu Berlin (alliierte Kontrollzonen, Luftkorridore etc.). Es diente als Truppenübungsplatz. Im Wald haben wir auch noch weitere Übungsanlagen gefunden, künstliche Ruinen.

Fotounfreundliches Wetter hat manchmal auch Vorteile. Vor dem diffusen Licht des hellgrauen Himmels kommt die grafische Wirkung der schönen, verfallenenen Dachkonstruktion gut zur Geltung. Diese zwei Fotos sind von dem linken (südlicheren) Hangar, der keine Türen mehr hat und auch sonst stärker fragmentiert ist.

Schließlich haben wir ja doch nach Hause gefunden und inzwischen wissen wir auch, was schief gegangen ist. Die Wanderkarte hat uns in die Irre geleitet, indem breite, gut ausgebaute Wege als feine graue Linien dargestellt wurden. Und wir waren unaufmerksam und haben die Abwesenheit von Markierungen nicht ernst genug genommen. Aber der Schlenker hat sich gelohnt. Was mich nur ärgert: weder die Wanderkarte noch das Wanderbuch – das allerdings auch sonst grottenschlecht ist – weisen auf diese historisch bedeutsamen Gebäude, die nur wenige Kilometer abseits der Route liegen, hin. Für die Planer des 66-Seen-Rundwegs zählen offenbar nur “romantische Waldwege”, “malerische Landschaften”, Aussichtstürme und überdachte Picknickstellen. Hrmph. Das ist so wirtschaftswunderzeitmäßiges Sonntagswandern!

Ich möchte da auf jeden Fall noch einmal hin und versuchen, das Gelände weiter zu erkunden, bevor alles zusammenfällt. Denn hinter den beiden Flugzeughallen liegt etwas, das wie eine ganze verlassene Stadt aussieht. Muss da nur ich an Prypjat denken?

6 comments
  1. Onno says: 6. Februar 201114:18

    “Hrmph”
    Dat Volk soll nur glatte, nette Mainstreamfolklore sehen. Bei den Hallen könnte glatt ein Teil herunterfallen, bei Aua müssen Versicherungsfragen geklärt werden und, und. Ansonsten kann ich den von Dir beschriebenen magnetischen Faktor sehr gut verstehen, LPs sind ein wunderweites Feld für Sinnieren.

  2. Sibylle says: 6. Februar 201114:48

    Das stimmt natürlich, die Versicherungsfrage. Aber man muss die Wandersleute ja auch nicht direkt hinführen, zu solchen Orten (solche Entdeckungen sind ja auch was Schönes). Aber beim Kapitel über das Dorf stand auch nichts von “Dorfgeschichte durch den seit 1939 bestehenden Fliegerhorst und die Truppenpräsenz geprägt”. Da stand “schöne Dorfkirche”. Und das ärgert mich. Du verstehst schon.

    Wenn es nicht so komplett brotlos wäre, würde ich gern mal selbst einen Wanderführer schreiben!

  3. pzillig says: 7. Februar 201117:14

    Sorry, falsche Taste. Will noch anfügen, dass solche ‚Wandertips’ im Kölner Stadt-Anzeiger bewirkten, dass an dem folgenden Wochenende die am Wegesrand liegenden Kneipen ausverkauft waren.

  4. Sibylle says: 7. Februar 201119:24

    Szenegazetten = auch brotlos. Der Wanderführer, den ich selber gerne lesen würde, kann kein Mensch bezahlen. Zu rechercheintensiv!

  5. andreas says: 18. Februar 201116:54

    Danke, Sibylle!

    Vielleicht laufen wir uns dann dort mal über den Weg. Beim Laufen. 66 Seen – das will ich auch machen. Hatte noch nie von diesem 66-Seen-Weg gehört, obwohl ich solche Projekte liebe. Auch die von pzillig erwähnten “Tippeltouren” (So heißen oder hießen die wirklich. Der Autor – ich glaube Peter Squentz oder so – baute da auch immer ein paar lokalhistorische Anekdötchen ein. Rheinländer eben.)

  6. Sibylle says: 18. Februar 201117:43

    Das wär ja was, sich zufällig auf Irrwegen im brandenburgischen middle of nowhere zu treffen. Oder auf dem richtigen Weg.

    Als nächstes steht der Web durchs Briesetal an. Ich freu mich schon riesig, erstens ist es dort sehr schön und zweitens gibt es auf der Strecke ein Forsthaus im Walde, wo man Leberwurststullen und selbergebackenen Kuchen verzehren kann.

    Für Touren in der Stadt kann ich übrigens dieses Buch empfehlen.

Submit comment