❧  textanfall

Mit dem Rad über Land

Immer im Mai treffen sich die Frauen aus meinem Texterinnen-Netzwerk, dem Texttreff, in einer zum Seminarhaus umgebauten Mühle im Wendland. Ich bin mit dem Rad hingefahren, von Berlin aus. Auf direktem Weg sind es etwa 250 km, ich bin auf dem Havelradweg gefahren und ab Havelberg auf dem Altmarkrundkurs. So kamen 280, 290 km zusammen. So genau habe ich es noch nicht zusammen gerechnet. Spaß hat es gemacht, ich habe fast jeden Meter mit dem neuen Rad genossen und am liebsten würde ich nächste Woche schon wieder losfahren. Ich merke grade, ich kann heute gar nicht so gut schreiben. Eigentlich will ich sowieso nur ein paar Fotos einstellen. Die gibts nach dem Break.

Ich wollte nur mit Satteltaschen hinten und ohne Lowrider fahren. Das hieß, etwa 10 Kilo Gepäck durften mit. Wenig Platz für Luxus.

Erste Rast kurz hinter Phöben. Das war schon am Nachmittag, denn ich bin erst spät aus Berlin los gekommen. Baden konnte man nur die Füße, das Wasser war noch ganz schön kalt. Wie man sieht, hatte ich mir noch eine Lenkertasche besorgt. Überaus praktisch, denn sie hat auch ein Kartenfach. Den Halter lasse ich den Sommer über am Rad, ich will noch mehr Touren fahren.

Deetz

Sanfte Geländewellen bei Deetz im Abendlicht. Nun noch schnell nach Brandenburg gespurtet!

In Brandenburg gibt es eine Straße namens “Kommunikation”. Ecke Ritterstraße!

Als ich aus dem Fenster meines Quartiers lugte, musste ich lachen. Ich sah den Kirchturm von St. Gotthard – ein Foto genau dieser Kirche schleife ich seit mehreren Auflagen durch mein Photoshopbuch (im Scharfzeichnungskapitel). Ich hatte vergessen, wo ich das Bild gemacht hatte.

Tag 2: Fast startklar in Brandenburg, im Kirchhof von St. Gotthard. Man beachte die grüne Zahnbürste, die auf dem Pedal liegt. Das war eine gute Idee von mir. Ich hatte zu Recht mit sehr staubigen, sandigen Wegen gerechnet. Bei einer offenen Kettenschaltung wie dieser bilden Öl, Staub und Sand schnell einen festgebackenen Belag am Schaltwerk, der sauberes Schalten unmöglich macht. Ich habe meine Kette daher vor der Tour mit einem “trockenen Öl” (Silikon) geschmiert, jeden Morgen vor der Abfahrt den groben Dreck abgebürstet und etwas nachgefettet. Das hat sich gut bewährt.

Saubere Zähne. Wenn diese Plastik-Umlenkrädchen der Schaltung verdreckt sind, macht die Schaltung unerfreuliche Geräusche und funktioniert nicht mehr richtig. Was schon sehr unangenehm sein kann, wenn man mit Gepäck fährt. Auch ohne Berge schaltet man oft. Ich wenigstens.

Endlich los. Das erste Stück führte auf einem wunderbaren Fahrradhighway durch den Wald, immer schön an wunderglitzernden Havelseen entlang. Anders als am Vortag waren keine radelnden Microfaserrentner-Trupps mehr anzutreffen.

Hallo, Schatten, hallo, Fluss. Wo genau das war, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Havelwasser ist das aber nicht!

Hier war die Havel mal ganz breit. Hinter Kirchmöser, auf der Brücke zwischen Wendsee und Plauer See. Kirchmöser ist eine sehenswerste Stadt mit interessanter Industriegeschichte.

Beim Schloss Plaue gab’s Ziegen, Pfauen und Kaffee und Kuchen. So müde, wie die beiden Ziegen aussahen, fühlte ich mich hier jedoch noch nicht.

In Rathenow war eine Rast dann dringend notwendig. Es war ganz schön heiß. Die örtliche Gastronomie hatte Ruhetag. Am alten Hafen fand ich ein lauschiges Plätzchen (vermutlich das einzige lauschige Plätzchen in Rathenow), an dem ich mir ein paar Stullen machen konnte. Der mitgeführte Scamorza erwies sich trotz Hitze als sehr formstabil – idealer Campingkäse. Danke an die netten Leute vom Fahrradhandel Berger, bei denen ich meine Getränkeflaschen füllen durfte.

Da war ich schon ein ganzes Stück weiter. Die Havel bei Grütz. Dort gibt es auch einen schönen Biwakplatz für Wasserwanderer – den muss ich mir mal merken.

Abendstimmung in Havelberg. Aufmerksame Beobachter werden vielleicht bemerken, dass ich am zweiten Tag viel weniger Fotos gemacht habe als am ersten. Das lag daran, dass ich’s vor allem darauf angelegt hatte, viele Kilometer zu machen. Gegen 19 Uhr, nach 108 km, von denen größere Teile nicht asphaltiert waren, erreichte ich erschöpft, stolz und sehr salzig mein Tagesziel Havelberg.


Bei Räbel über die Elbe. Das war schon Tag 3. An diesem Tag war der Wurm drin. Ich war von meiner Gewalttour am Vortag ziemlich ausgelaugt und ich hatte wirklich starken, böigen Gegenwind, graue Wolkengebirge türmten sich. Ich folgte nicht mehr dem Havelradweg, sondern fuhr auf dem Altmark-Rundkurs. Eine Tour, bei der immer wieder längere Abschnitte auf wirklich anstrengenden Belägen zu fahren waren (Schotter und handbreite sandige Streifen neben perfiden alten Kopfsteinpflasterstraßen). Und das in dem Wind. Schwül war es auch. Ich wusste nicht, ob ich die Regenjacke an- oder ausziehen sollte und checkte kontinuierlich auf meiner Karte, ob Häuser in Straßennähe waren – es sah zeitweise gefährlich gewittrig aus. Bei meinem nächsten Stopp, der kleinen Hansestadt Seehausen (Altmark), bin ich in den Turm der beeindruckenden Peter- und Paulskirche gestiegen und habe eine handliche Portion feinsten Altmärker Spargels vertilgt. Danach habe ich’s dann nur noch bis Arendsee kurz vor Salzwedel geschafft. Die bekannteste historische Figur des Ortes ist der 1952 verstorbene Wanderprediger gustaf nagel (der schrieb sich selber so). Es ist sicher interessant, sich mit dieser Persönlichkeit näher zu beschäftigen. Ich war leider zu müde und besichtigte den gustaf-nagel-Tempel nicht. Die größte Attraktion für mich war das überaus komfortable Bett im Hotel Deuschle.

Am vierten, oder eigentlich ja zweieinhalbten Tag, weil ich Montags erst Mittags abgefahren bin, war ich wieder fit. Ich kam früh los, erreichte schnell Salzwedel, wo ich eine kurze Baumkuchen-Rast einlegte (örtliche Spezialität, aber ich finde den Baumkuchen vom Café Buchwald erheblich besser!) und konnte zügig ins Wendland durchfahren. Als es nur noch wenige Kilometer zu meinem Ziel waren, war mir ganz seltsam. Ich bin dann ganz langsam gefahren, um das letzte Stück durch die schöne Landschaft zu geniessen. In der Mühle gab es dann Dusche, Mittagessen, eine ausgedehnte Massage (yeah!) und viele, viele Kolleginnen. Aber das ist dann schon wieder eine andere Geschichte…

Wieder daheim. Sonntagabend in Berlin. Blick aus meinem Schlafzimmerfenster.

10 comments
  1. Dorothee Köhler says: 16. Mai 201121:26

    Danke, liebe Sibylle, für die schöne Reisenachlese. Vielleicht sollte ich mir Ähnliches für nächstes Jahr vornehmen und dann per Rad nach Schmerlenbach reisen. :-)

  2. Sibylle says: 16. Mai 201121:34

    Ja, mach doch! Ich kann dich auch gerne beraten hinsichtlich Ausrüstung und so.

  3. Britta says: 16. Mai 201121:39

    Toll! Schmerlenbach ist mir kommendes Jahr definitiv viel zu weit von Hamburg aus, aber falls es übernächstes Jahr wieder das Wendland wird, mache ich das auch.
    Im Sommer setze ich vielleicht endlich mal meine lang gewünschte Elbe-Lübeck-Kanal-Tour um. Muss sehr malerisch sein.

  4. Sibylle says: 16. Mai 201121:41

    Au ja, wenn du von HH aus fährst, können wir uns irgendwo treffen. Ich mach das bestimmt auch nochmal. Fand es auch echt ok, die paar Tage allein zu radeln. Wochenlang wäre mir das allein zu öde, aber so kurz wars ganz nett.

  5. Birgit says: 16. Mai 201121:52

    Bilder, die die Beine fast schon von selbst antreiben und Lust machen, dich zu imitieren. Noch fehlt mir der passende Sattel…

  6. Sibylle says: 16. Mai 201122:01

    Wenn du ein wenig Geld übrig hast, nimm SQLab: http://www.sq-lab.com/ Ich bin mit meinem überaus zufrieden. Der Sattel hat direkten Einfluss darauf, ob dir KNie und Handgelenke weh tun, dir die Hände einschlafen (oder eben nicht). Er ist ein wichtiges Element beim Komfort.

  7. annette says: 16. Mai 201123:54

    Mönsch, die Fähre sieht original genauso aus wie die etwas weiter südlich bei Sandau, die wir damals beim Wanderritt durch die Altmark benutzten und die meine Stute mit ein paar Äppeln verzierte ;-). Danke für den Tourbericht, sehr beeindruckend!

  8. Sibylle says: 17. Mai 201110:13

    Ja, so sind se, die Fähren. Auch eine beeindruckende Konstruktion, mit diesen Schwimmern und Seilzügen. An Sandau bin ich knapp vorbeigeschrammt.

  9. aj says: 17. Mai 201110:54

    Sehr schön und sehr sportlich!

  10. Sibylle says: 17. Mai 201111:17

    Vielleicht fahren wir ja auch nochmal zusammen, diesen Sommer? Die Havel die andre Richtung oder so?

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