❧  textanfall

Berlinerinnen und Berliner, geht “Achterbahn” gucken

“Ein Drama shakespear’scher Dimension” nannte Regisseur Peter Dörfler bei der Berlinale-Premiere den Stoff seines Dokumentarfilms. Er übertreibt nicht: Norbert Witte, ein Schausteller, der mit seiner Familie und seinem Unternehmen schon durch einige Höhen und Tiefen des Lebens gegangen ist, übernimmt nach der Wende das Gelände des Spreeparks in Berlin-Treptow. Das Projekt seines Lebens. Er baut das Unternehmen im großen Stil um und auf und scheitert schließlich grandios. Bei Nacht und Nebel verlässt er mit seiner Familie und den Fahrgeschäften Berlin und setzt sich nach Peru ab.

Ein Neuanfang dort will nicht gelingen. Der Zoll hält einige Fahrgeschäfte zurück, die funktionierenden spielen Schulden ein. Als das Geld kaum mehr für Essen reicht, gehen Ehefrau und Töchter zurück nach Deutschland. Vater und Sohn bleiben. Der Plan, 180 Kilo Kokain im Gestänge eines “Fliegenden Teppichs” nach Deutschland zu schmuggeln und so den brachliegenden Spreepark wieder flott zu machen, fliegt auf.

Der Vater, zu der Zeit gesundheitlich angeschlagen in Deutschland, landet im hiesigen, vergleichsweise komfortablen offenen Vollzug; sein Sohn voraussichtlich auf zwanzig Jahre in einem unvorstellbar harten Knast in Lima. Die Familie zahlt regelmäßig Bestechungsgelder, damit ihm dort nichts passiert – nur teilweise erfolgreich: einen Giftanschlag überlebt er nur halbblind. Eine Möglichkeit, ihn aus der Haft herauszuklagen oder zu -kaufen, scheint es nicht zu geben.

Getragen wird der Film durch seine Protagonisten, die Familienmitglieder, die offen erzählen, vieles preisgeben und über eine unglaubliche Stehaufmännchen-Energie verfügen. Immer wieder neu anfangen, sich zusammen raffen, das Beste draus machen. Norbert Wittes Selbstdarstellungsdrang wird durch die illusionslosen Berichte seiner Frau Pia ausbalanciert. Und doch kann man in ihm nicht nur das verantwortungslose Arschloch sehen. Schuld ist hier vielschichtig und mit Leiden wie Leichtsinn verknüpft. Mit der Kombination aus Immobilienfilz, Nachwende-Aufbruch und Boulevardhetze ist “Achterbahn” auch eine sehr berlinerische Geschichte. Und eine universell menschliche, tragische.

Erst Trailer gucken.

Dann Kino gehen. Bald. Versprecht ihrs mir?

Kinos und Zeiten hier nachschlagen.

2 comments
  1. Frank says: 5. Juli 200923:04

    Ja, guter Dokfilm!

  2. Sibylle says: 6. Juli 200910:09

    Meine Rede, meine Rede. Sehr gut war ja auch

    http://www.peter-doerfler.de/Resources/DER_PANERKNACKER.mov

    Gute Dokfilme kanns gar nicht genug geben!

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