❧  textanfall

Das kleine Glück

{Sommertext aus einem Berliner Strandbad.}

Das kleine Glück traut sich rein. Es schwimmt bis zur Boje und bekommt ein Eis (Calippo, Cornetto oder Magnum). Es trocknet seinen jungen, schmalen Leib und betrachtet dabei andere fast nackte Leiber.

Es kriegt einen Kaffee mit drei Amarettini, weil es den ersten schon weggeknuspert hat, als es aufs Wechselgeld wartete. Huch, sagt die Kaffeekioskfrau, da hab’ ich doch ganz vergessen, ein Kekschen hinzulegen.

Das kleine Glück lässt sein stolzes Lebendgewicht an die Sonne; und niemand guckt komisch.

Beim kleinen Glück steht eine Reihe sonnengebleichter Stühle vor einem Geländer mit abgesprungenem Lack, das glatt glänzt von den sonnenöligen Waden, die darauf abgelegt wurden. Das kleine Glück ist Wasserwellensonnenglitzern. Es fährt mit einem gelb gestrichenen Ruderboot seine zwei Kinder um den runden See. Das kleine Glück macht Toter Mann – oder Tote Frau – und hört, die Ohren unter Wasser, das Knatschen der Ruder in den Dollen.

Das kleine Glück ist 8 oder 58 Jahre alt. Es singt ein heiteres Lied-Bruchstück, wenn es aus dem Wasser kommt. Es hat Sonnenbrand auf der Nase und Sand im Schuh. Das kleine Glück schiebt eine dunkle Wolke weg und lässt wieder etwas wärmer werden auf der Haut.

Das kleine Glück ist ein wenig scheu und sehr bescheiden. Menschen, denen das Beste gerade gut genug ist, mag es nicht. Sechsfuffzig für einen Tag Vergnügen, ein lauer Wind und die schräg stehende Sonntagnachmittagssonne, das reicht ihm. Es kennt keine Ironie und ist wahrhaftig und schlicht. Das kleine Glück lässt jeden so sein, wie er oder sie ist.

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