❧  textanfall

Beute machen im Wald

Das Klischee besagt, dass Pilzsammler im Morgengrauen Forst und Hain durchstreifen, Exemplare mit ausgesprochen drolligen Namen in ihre Körbe häufen und griesgrämig die besten Fundstellen gegen Konkurrenten verteidigen. Pilzliebhaber gelten als die Nerds der Wälder.

Doch an Herbstwochenenden sind alle vielversprechenden Waldwege mit den Autos natursehnsüchtiger Städter zugestellt. In den einschlägigen Tram- und S-Bahnlinien genießen Sammler diskret die anerkennenden Blicke der Mitfahrer auf ihren kiloschweren Ertrag. Mehr als zwanzig verschiedene Pilzbestimmungsbücher sind derzeit auf dem Markt und Accessoires wie spezielle Pilzmesser gibt’s in allen Preis- und Ausstattungsklassen, Pilzberatungsstellen und Expertenspaziergänge haben regen Zulauf. So vertritt etwa die Deutsche Gesellschaft für Mykologie nicht nur die Interessen professioneller Pilzforscher, sie betreibt auch umfangreich Pilzaufklärung für Laien. Pilzesammeln ist wohl mehr als nur ein Randgruppenhobby. Und ganz nebenbei bemerkt: Die Pilze mit den schönsten Namen muss der mykophile Sonderling eh stehen lassen – sie sind giftig. So beschert der Gemeine Wirrkopf (Inocybe lacera) dreitägiges Erbrechen mit Schweißausbrüchen und mitunter Tränen, der Genuss des Behangenen Düngerlings (Panaeolus sphinctrinus) kann zu unkontrollierten Lachanfällen führen.

Und wie sammelt man richtig? Nur ausgewachsene, gut erhaltende Exemplare gehören ins Sammelbehältnis, das unbedingt ein luftiger Korb sein muss. Die Stiele werden aus dem Boden herausgedreht oder tief abgeschnitten, in jedem Fall sollte man das entstehende Loch wieder zuscharren – zum Schutz der unterirdischen Teile des Pilzes. Zum Verzehr mitgenommen werden nur Stücke, die man sicher identifizieren kann. Madige oder schlechte Stellen schneidet man gleich im Wald ab und lässt sie dort. Die Sporen reifen nämlich trotzdem nach und sorgen so für den Erhalt der Population. Unbekannte Pilze, die zum Bestimmen mitgenommen werden, müssen mit Wurzelknolle entnommen und separat transportiert werden. Ein guter Pilzwald hat viel Unterwuchs. Moose und Flechten braucht er und nicht zu grasig soll er sein. Nur die robuste Marone kann sich auch gegen Gräser durchsetzen. Ob Nadel- oder Laubwald, Fichte, Kiefer, Buche oder Eiche, ist nicht so wichtig. In Gemeinschaft mit allen diesen Bäumen sind gute Speisepilze anzutreffen. Allein unter Robinien findet man kaum Essbares.

In die Pilze gehen ist schön. Welcher Gourmet liebt nicht die Vorstellung, sich aus einem Reservoir erstklassig frischer Rohware zu bedienen? Gute Zutaten sind schließlich die Basis exzellenten Essens. Die meisten leckeren Speisepilze lassen sich sowieso nicht züchten – um sie zu kultivieren, müsste man komplexe Biotope heranziehen. Wie auch das Sammeln wilder Beeren hat Pilzesuchen einen Anklang des Paradiesischen: Die Erde wird für uns sorgen, alles ist gut. Pilzesammeln entspannt ungemein.

Der Mykologe Wolfgang Fischer hat noch eine viel einfachere Erklärung für die Pilzbegeisterung: “Pilzesammeln – das ist wie Ostereiersuchen!” Wobei das erwachsenengerechte Ostereiersuchen im Wald bei einem Fachmann schon etwas anders aussieht als beim durchschnittlichen Mykophagen, der Sonntagnachmittag den Kiefernforst betritt, um sich später ein Mischpilzgericht zu schmurgeln. Der Gemeine Pilzfresser kratzt nur an der Oberfläche der faszinierenden Welt der Fungi. Zwischen 1.500 und 2.000 Großpilzarten gibt es in der Region Berlin-Brandenburg. Fünf bis acht Arten legt sich ein nicht allzu wagemutiger Hobbysammler ins Körbchen und ist damit zufrieden. Der Profipilzkundler Fischer findet das Pilzjahr bisher eher schlecht und begründet das so: Nur 50 Arten statt wie sonst rund 150 habe er jüngst von einem Ausflug mitgebracht.

Für uns Ausflügler mit Messerchen und Spankorb geht es ums Beutemachen. Und das bedeutet in den meisten Fällen nicht taxonomische Diskussion oder Vitrine, sondern Pfanne. Die meisten Speisepilze schmecken sehr gut. Sie lassen sich schmoren, zur Suppe verarbeiten oder verfeinern Soßen. Kulinarisch ist das Selbstgesammelte fraglos ein Zugewinn. Doch wie steht’s mit dem Nährwert? Sind Pilze gesund? Geschmacklich liegen zwischen Piemonteser Tartufi d’Alba und Dosenchampignons Welten. Ernährungsphysiologisch ähneln sich alle Pilzarten jedoch. Die meisten bestehen vor allem aus viel Chitin. Das beschäftigt Kiefer und Magen. Vitamine gehen meist beim Kochen drauf. Doch Pilze sättigen, sie machen nicht dick, sie liefern Eiweiß und einige Spurenelemente – und den Spaß beim Sammeln!

Bestimmung

Im Botanischen Museum in Dahlem berät Ewald Gerhardt Laiensammler und Hobbymykologen. Sprechzeiten: Mo, Di, Do 14-16 Uhr (in den Monaten Juli bis Oktober). Adresse: Botanisches Museum, Raum AS 007, Königin-Luise-Str. 6-8, Berlin-Dahlem. Tel. (0 30) 8 38-5 01 05.

Einzelne Pilzexemplare können auch den Experten der Pilzkundlichen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Brandenburg präsentiert werden: Mo 17.30-18 Uhr. Adresse: Stiftung Naturschutz e. V. / 4. Etage, Potsdamer Str. 68, 10785 Berlin, Tel. (030) 26 39 40.

Buchtipp

Ewald Gerhard: Pilze – Treffsicher bestimmen mit dem 3er-Check. Blv Buchverlag 2008, 238 Seiten, 7,95 €. Wald-taugliches Taschenformat. Anschauliches, dreischrittiges Bestimmungssystem für die häufigsten Pilzarten, das sich für angehende Pilzsammler eignet.

Notfälle

Vergiftungsnotruf Berlin im Institut für Toxikologie: (030) 1 92 40 (Tag und Nacht), weiterführende Informationen unter http://www.bbges.de/content/index6f50.htm

Disclaimer: Der Artikel ist vor etwa einem Jahr in der taz Berlin (am 20.09.2008) erschienen. Da jetzt die Pilzzeit naht, hiev ich ihn nochmal hoch. Dass es sich um einen Print-Artikel handelt, erklärt auch, warum er – errhm, nicht gerade webgerecht getextet ist.

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