Was anderes tun als das, was man sollte (einst und jetzt)

Hier publiziert am 17. Februar 2009 | Schlagwort(e): |

Das L.O.B.O.-Buch hat mich dazu angeregt, vermehrt darüber nachzudenken: das Phänomen, dass man so oft lieber Anderes tut als das, was gerade ansteht.  Mir fiel ein bis jetzt nicht beachteter Aspekt auf.

Bei einem erst kurz zurückliegenden Umzug ging mein ganzer Besitz durch meine Hände - auch jene Gegenstände, die sonst am Rande des Haushalts und des Bewußtseins existieren. So waren mir die Früchte früherer Kreativität noch gegenwärtig. Nicht wenige davon habe ich fabriziert, um einer anderen Aufgabe aus dem Weg zu gehen. Eine Schablone mit dem Porträt des Dada-Künstlers Kurt Schwitters. Eine Mappe voller Zeichnungen. Von mir angefertigte kurze Comicstrips. Ein alter Koffer, einmal an einen fernreisenden Freund verliehen und zu diesem Behufe von mir mit der schön geschwungenen Silberschrift “Allet Jute!” versehen. Selbst gebundene Kladden und Bücher. Ein Sweatshirt mit einer Kartoffeldruck-Hommage an einen von mir damals extrem niedlich gefundenen Musiker (er hat sich beim Konzert darüber gefreut). Obst aus bemalter Pappe, im Wolf-Erlbruch-Stil. Mixtapes, nicht nur ingeniös zusammengestellt, sondern auch liebevoll gestaltet. Auf meinem ersten Computer (ein 386er) mit Paintbrush gemalt: Szenen aus meinen Lieblingsopern (Il Trovatore, Rigoletto, Boris Godunow), sogar gerahmt. Eine große Kiste mit Korrespondenz (Papierpost!). Torten, die ich gebacken habe, sind nicht erhalten, denn sie waren lecker.

Bevor es das Internet gab, war es einfach viel netter, nicht das zu tun, was man eigentlich sollte. Heute verbringe ich diese Zeit mit einer diffusen Mischung aus Webrecherche (halb gerechtfertigt) und Networking (halb dringend) und Rumklicken. Das heißt jetzt Prokrastinieren und ist nicht schön. Und auf jeden Fall vollkommen unproduktiv.

Man sollte in Zukunft öfter auf ausuferndes Gesurfe verzichten. Denn die angenehmen Ausweichtätigkeiten wirken auf die Arbeitsmotivation wie ein Stärkungstrunk auf eine ausgelaugte Physis.

Und um diesen Aspekt bitte ich die allgemeine Prokrastinations-Diskussion bitte zu erweitern!


Schon 4 Kommentare zu “Was anderes tun als das, was man sollte (einst und jetzt)”

  1. #1 Christian schrieb um 20:43 am 17. Februar 2009:

    Ein interessanter und - wenn ich mal kurz so auf meinen Alltag schaue - sehr wahrer Aspekt.
    Wenn ich mich erst einmal von der Kiste losgerissen habe und aufgeräumt, spazierengegangen, mit Freunden einen Kaffee getrunken, … habe, dann bezeichne ich das nicht mehr als prokrastinieren.
    Ich werde das mal im Auge behalten.

  2. #2 Sibylle Muehlke schrieb um 20:49 am 17. Februar 2009:

    Im Zweifelsfall kann wohl alles arbeitsaufschiebend wirken, auch Spazieren gehen oder aufräumen. Aber trotzdem: für vollständige Produktivitätsvermeidung braucht man das Internet. Glaube ich.

  3. #3 Christian schrieb um 20:59 am 17. Februar 2009:

    Da ich echtes Prokrastinieren erst seit dem Internet kennen möchte ich mich da anschließen…

  4. #4 pzillig schrieb um 14:26 am 18. Februar 2009:

    Wie ich dieses Thema liebhasse! Kreative sollen nach Meinung von Controllern, BWL-Fexen u.ä. Trockengeistern so produktiv sein wie Anwälte oder Controller? Das wird nicht gehn. Wieso auch? Und beim Nach- oder Wegdenken sich des alten Krimskrams zu entledigen, ha — das ist IMHO Therapie.


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